Dicke und dünne Bücher

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Zu den unerledigten Problemfragen, die sich auf meinem Nachttisch türmen gehört die, warum der Mensch unserer Tage keine dicken Bücher mag. Er hat geradezu eine angstvolle Abneigung gegen sie. Wie wenn jemand etwas Aufgehobenes von der Straße auf den Tod nicht anfassen will, weil es ihm irgendeine Krankheit an den Hals heften könnte. „Ich mag keine dicken Bücher“, kann heute jeder sagen; ohne Blamage übrigens, was wieder ein selbstredendes Bild von der Gesellschaft zeichnet. 
Dabei sind dicke Bücher doch nichts anderes als viele dünne, aneinander geklebt. Wenn jemand mit Stolz im Regal seines Arbeitszimmers an der Sammlung von zweihundert dünnen Büchen vorbeischreitet, die er alle schon gelesen hat, dann dürfte die erhoffte Wirkung doch kaum geringer sein, wenn er mit dem Finger auf die selben beiden Meter bewältigter Lektüre zeigt, die sich in nur zwanzig gehörigen Wälzern aufteilt.
Eine Geschichte zum Beispiel, hat, sagen wir, etwa zweihundert Standartseiten. Das sind zweihundert mal tausendfünfhundert Anschläge, mit Leerzeichen gerechnet. Das ist schon beträchtlich, die Geschichte ist aber noch mitten drin. Es steht also noch aus, wie umfangreich sie wird. Mit zweihundert Seiten beginnt sie aber gerade, sich von einem mitteldünnen zu einem dicken Buch, und damit zu einem Gegenstand widerspenstiger Angst zu entwickeln. In Wirklichkeit aber hat die Geschichte bereits einundzwanzig fertige Kapitel. Das macht nach Adam Ries zweihundert durch einundzwanzig, gleich neun komma fünf zwei Seiten pro Kapitel im Schnitt. Das jetzt schon nicht ganz dünne Buch besteht also quasi aus einundzwanzig kleinen Heftchen, von denen jedes nicht mehr als knappe zehn Seiten hat. Dünner kann ein Heft kaum sein, das im Regal beansprucht, mit gezählt zu werden. Einundzwanzig Kurzgeschichten also, vor denen sich eigentlich niemand fürchten bräuchte.
Dennoch, der Umstand hält sich hartnäckig: Dicke Bücher sind zu meiden wie ein Kontakt mit fremdartigen Tieren. Wer weiß, was sie anschleppen und einem auf die Platte spielen.
Kein Kriminalfälle ist lösbar, wenn sich kein Motiv auftut. Es braucht immer eine Logik, der ein Täter nachläuft, eine Kette sozusagen, an der man sich bis zum Ziel entlang hangeln kann. So ist es auch mit dem banalen Problem der dicken und dünnen Bücher. Es bräuchte eine Spur, der nachzugehen eine Lösung verspricht. So lange die nicht gefunden ist, bleibt das Problem eine ungelöste Frage und landet wieder genau, wo sie war.

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5 Kommentare zu “Dicke und dünne Bücher

  1. Oh, ich muss gestehen, in Krieg und Frieden noch nie gelesen zu haben. Ich lese aber auch sehr gern in dicken Büchern. Ich hab da zum Beispiel ein ganz dickes, riesiges: Die Essays von Montaigne. Gleich daneben im Regal zum Greifen steht gleich Egon Fridells Kulturgeschichte. Auch tausend Seiten. Herrlich!

  2. Dicke Bücher können allerdings auch ein Ärgernis sein. So ein dickes Buch mit tausend Seiten ist das „neue“ Gotteslob. Eigentlich wirkt es gar nicht so dick, sondern eher dünn, besonders wenn man sich in einer stillen Stunde mal mit Teilen des Inhaltes auseinandersetzt.

  3. Oh ja, Gerd, da sprichst Du was an! Ich hege im Hinterkopf schon seit langem den Gedanken, eine großangelegte Initiative zur Verkleinerung der Gebetsbücher ins Leben zu rufen. Als man die Dinger noch in die Tasche stecken konnte (das war allerdings noch zu meiner Kindheit), hatten die Herren alle eins dabei und mussten ihren Kirchgang noch nicht wegen des Ziegelsteins in ihren Händen veröffentlichen…

  4. Ich bete aus dem alten Gebetbuch der Erzdiözese Wien: „Die betende Gemeinde“. Schönes Format und unbesehen behaupte ich mal, dass dort mehr Gebete aufgeführt sind als im Gottes Lob Neu.

    Dann zu dem, dass die Leute dicke Bücher nicht mehr so mögen: Kommt wohl darauf an. Man führe sich nur vor Augen, wie dick die finalen „Harry Potter“ Bücher wurden.

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