Was zum Beispiel Bildung heißt

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Meinem lieben Doktor

Wenn man dem Vater meines Freundes Bücher zu lesen empfahl, dann freute er sich aufrichtig, aber jeder wusste, dass er erstens immer sagte, er würden es sehr gern lesen, wenn er mal Zeit dazu fände. Zweitens wussten alle, dass er niemals welche finden würde. Als er dann sein biblisches Alter erreichte, gab es stapelweise Bücher, die er aus Mangel an Muße nie gelesen hatte. Mit dem Lesen von Büchern darf man nicht auf bessere Zeiten warten, die Zeiten werden niemals besser. Oder anders gesagt, sie werden nie so sein, dass man welche über hat. Irgendwas ist immer wichtiger als überflüssige Bücher zu lesen, und wenn ich von Büchern spreche, dann meine ich ausdrücklich überflüssige. Aus der Sicht eines Fabrikbesitzers ist es ein verbotener Luxus, Gedichte von Heine zu lesen, während seine Hochöfen auf Arbeiter warten. Für einen Taxifahrer wird es immer Zeitverschwendung bleiben, am Straßenrand zu parken und Doderer zu genießen, statt die Gäste zu fahren, die mit ihren Koffern an der Hand auf ein Taxi warten. Die Zeit für Bücher muss man sich stehlen und immer den Wichtigkeiten des Lebens regelrecht wegnehmen. Es gehört Mut dazu, sich für das Lesen von Büchern zu entscheiden.

Aber warum sprechen wir hier von Büchern, statt von Computerspielen oder Filmen auf den Smartphones? Weil Bücher bilden, Spiele nicht. Wenn Kinder Karl May lesen, dann baut sich ihre Fantasie die Wiesen zusammen, auf denen ihre Helden reiten. Sie stellen sich vor, wie Winnetou aussieht, wie die Silberbüchse knallt und die Pferde wiehern. Ihre Fantasie hat Arbeit und leistet Großes. Beim Film bekommt man all das samt der Musik geliefert. Filme schauen ist die bequemste Weise, Geschichten zu konsumieren. Und hier ist es wie mit dem Laufen. Wer nicht läuft, der lernt das Laufen nicht. Bücher bilden, Filme nur sehr wenig.

Wir sollten kurz klären, was wir mit Bildung meinen, da gibt es nämlich verschiedene Auffassungen. Eine, die fast alle haben und eine, die kaum jemand in Erwägung zieht. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich finde beide richtig. Es fehlt die zweite nur, wenn man sie nie bedenkt. Zum einen bedeutet sich bilden Daten sammeln und speichern. Wer viele Ereignisse und ihre Jahreszahlen im Kopf hat, wer mit den Namen bedeutender Persönlichkeiten ihre Geschichten zu verbinden weiß, der gilt als geschichtlich gebildet. Wer die Daten des menschlichen Körpers, seine Mechaniken, seine Fehler und deren Bedeutung im Kopf hat, der ist ein gebildeter Mediziner. Daten speichern können und Daten speichern heißt sich bilden, in einer Sache belesen sein also.

Die zweite Weise sich zu bilden geht ganz anders und heißt, etwas aus sich machen, seine Fähigkeiten ausbauen. Ein Kind, das genügend Hirn und die richtigen Anlagen hat, kann potentiell Latein lernen. Es kann aber noch kein Latein, sondern müsste es lernen und so einen Lateiner aus sich machen. Wer die Schauspielschule im ersten Semester besucht, ist noch kein Schauspieler, er müsste die Schule erst durchlaufen, um dadurch einen Schauspieler aus sich gemacht zu haben. Erfahrene Leute würden meinen, das wirkliche Lernen komme erst nach der Schule. Das würde bedeuten, auch das Ausüben des Berufes ist eine Schule der Bildung. Nur wer Geige spielt wird ein Geigenspieler. In diesem Sinn heißt Bildung, sich in einer Richtung formen, sich eine Form geben, sich befähigen, jemand werden, der man zuvor nur sein konnte.
Es gibt hier etwas zu beachten. Bildung im zweiten Sinn heißt jemand werden. Es heißt aber immer auch besser werden. Ein guter Geiger kann gut Geige spielen, besser als ein weniger guter. Ein guter Bankräuber kann gut Bänke ausrauben, besser als ein schlechter. Sich bilden heißt in einer Sache besser werden.

Ich liebe die Gesänge im Stadion, und es gibt nichts Herrlicheres als den Fans meines Vereins in Bochum zu lauschen, wenn sie ihrer gemeinsamen Liebe Lieder und Tränen geben. Man muss nicht viel können, um da mit zu grölen und mit zu heulen, aber herrlich ist es jedesmal. Von Tschaikowski hieß es, er hätte schon geweint, wenn er nur die Noten einer Klaviersonaten zu Gesicht bekam. Drückt man einem Fußballfan die Partitur eines klassischen Stückes in die Hand, wird sie ihm nicht viel sagen. Bunte Geschichten von Charlie Brown oder Buffalo Bill wären da sinnvoller. Nun ist aber die Klaviersonate eines großen Komponisten zweifelsohne eine sensiblere Sache als die Lieder im Stadion und als Geschichten in Komikheften. Wer sich die Mühe macht, und es macht Mühe, Klaviersonaten verstehen zu lernen, der macht sich sensibler. Am Ende wird nichts dagegen sprechen, die Gesänge der Fans des Vfl weiterhin groß zu finden. Das Feine aber, der sensible Genuss, der steht irgendwie höher im Rang. Sich bilden heißt feiner werden, Empfindung für das Höhere erlernen. Christlich gesprochen heißt sich bilden, sich befähigen, am Ende auch die feinen Genüsse der Ewigkeit deuten und verstehen zu lernen. Auf Erden heißt es, sensibel werden für den feinen Blick der Kinder und jemand werden, der nicht mehr drüber hinweg trampeln kann.

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