Moral?

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Meinem Herrn Doktor

Unser Lehrer für Griechisch, der viel mehr für uns war als ein Lehrer für Griechisch, pflegte zu sagen, Genies müssten nicht unbedingt besonders intelligent und belesen sein. Fürs Geniale reiche manchmal auch der Mut, auf Pfaden zu gehen, die noch niemand gegangen ist und dann konsequent weiter zu arbeiten. Unser Lehrer für Griechisch war der beste, den man sich denken konnte und vor allem genau der, den ich brauchte. Deshalb werde ich ihm sicher nicht widersprechen, zumal ich richtig finde, was er sagte. Ich gestatte mir aber, ein weiteres Zeichen für Genialität neben seins zu stellen. Genial ist nämlich auch die Fähigkeit, die zum Beispiel Immanuel Kant ausmachte, das ganze Universum des philosophischen Tuns auf drei einfache, kleine Fragen zu stellen:

Was kann ich wissen?,
Was muss ich tun?, und
Was darf ich hoffen?

Das ist genial, und ein Buch über Moral würde sich der zweiten Frage widmen. Wenn sie jetzt so dasteht, wird man eine kritische Frage, nämlich die „um was“ daran hängen dürfen. Was muss ich tun, um reich zu sein oder mächtig? Was muss ich tun, um für meine Freunde ausgesorgt zu haben? Was muss ich tun, um gesund zu bleiben und dann möglichst alt zu werden? Oder biblisch gefragt: „Was muss ich tun, um in den Himmel zu kommen?“ Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Unserem kleinen Vorhaben hier genügen zu können, wird die Antwort Sokratisch sein: „Was muss ich tun, um ein guter Mensch zu sein?“

Schlau, wie Sie ja sind, werden sie gleich weiter wissen wollen, was denn ein guter Mensch überhaupt sei. Gestatten Sie mir, sozusagen griechisch zu bleiben, aus Gründen, die ich gleich erkläre: Ein guter Mensch ist einer, der in seine Gesellschaft passt. Ein guter Mensch ist einer, der sich im Maß seiner Vorgaben für sie einsetzt und nicht lange gebeten werden muss.
Griechisch bleiben heißt allgemein bleiben, und allgemein sollten wir anfangen. Sie sind schon bei weitem mehr gereist als ich, aber mit ihren wachen Augen werden auch Sie gemerkt haben, dass die Gemeinsamkeiten der Menschen viel mehr sind als die Unterschiede. Je näher man den Fundamenten kommt, desto gleicher wird alles. Die Währungen sind überall ganz verschieden, ein großherziger Umgang mit dem Gelde aber gilt überall als edel. Am Nordpol mag man sich zum Gruß die Nasen aneinander reiben, hier gibt man sich die Hand, im Süden fällt man sich in die Arme. Freundlich sein aber gilt in aller Welt als etwas Gutes. Es gibt tausend Möglichkeiten, Gäste zu bewirten. Überall aber gilt eine Gesellschaft, die schlecht mit ihren Fremden umgeht als schlecht.

Allgemein zu bleiben gestattet uns, auch ganz anders Denkenden und Glaubenden etwas zum gemeinsamen Nachdenken anzubieten. Die Sprache der Philosophie ist in diesem Sinn die gemeinsame Sprache ganz verschiedener Leute. Deshalb beginnt die Frage nach dem Guten auch mit sich und der Gesellschaft. Gut heißt hier eher gut für sich und für die Seinen sein, als etwa gut im Sinne von etwas Religiösen. Wobei ich sagen kann, mit meiner Auffassung von Religion hier geradezu von Deckungsgleichheit sprechen zu können. Sünde ist erst einmal das, was schadet und nicht vernünftig ist. Es würde viele wundern, wenn man ihnen sagte, nichts sei Sünde, weil es unbedingt gegen ein Gebot verstoße, wohl aber immer, weil es dumm sei. Man kann religiös unmusikalischen Leuten nicht sagen, Sünde sei, was der Liebe Gott nicht gern sieht. Man kann wohl aber sagen, Sünde sei, was dumm ist und kaputt macht. Wenn man ins Religiöse kommen will, dann kann man schon sagen, der Liebe Gott sehe eben genau das nicht gern. Wenn man also möchte, wird ein Buch über die Moral ein Buch über das Gute sein, und dann wie man gut sein und bleiben kann.

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