Die Ungläubigen

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Briefe an unseren Bufdi

Seit diese ausgeflippten Muslime überall dieses mörderische Theater veranstalten, hat ein Wort nebeliges Wort „Unglauben“ Konjunktur, über das ich schon lange mit Dir reden wollte. Das Wort ist nebelig, weil man es in einer präzisen Rede eigentlich gar nicht benutzen kann, ohne jedesmal erklären zu müssen, was man jetzt gerade meint.
Jeder, der zehn Sekunden nachdenkt, eine seltene Investition übrigens, kann sehen, dass Unglaube nicht gleich Unglaube ist.
Mir scheint, jeder der andere Leute Ungläubige nennt, meint immer die, von denen er gerade am wenigsten hält. Wenn ich von Ungläubigen rede, dann meine ich in aller Regel Atheisten, also Leute, die behaupten, die Welt und vor allem sie selbst hätten keinen Schöpfer. Dass ich vom Atheismus nicht viel halte, weißt Du bereits, und dass mir Spaß macht, mich an dieser Front abzuarbeiten und den einen oder anderen Witz zu reißen, das weißt Du auch. Als Kind der westlichen Welt, deren Atemluft nunmal christlich ist, habe ich den Grundsatz des alten Augustinus mit der Muttermilch getrunken, man solle den Sünder lieben, seine Sünde dagegen nicht. Das bedeutet, die liebenswertesten Menschen können den verrücktesten Ideen nachlaufen und was immer einer glaubt oder denkt, ein gutes Gespräch, ein gutes Essen und einen guten Schluck Wein muss jeder bekommen.

Wenn die Terroristen von den Ungläubigen sprechen, dann meinen sie alle, die man ohne schlechtes Gewissen umbringen darf. Eine Variante, die man nach weit weniger als zehn Sekunden Investition für einigermaßen dumm halten wird. Allein schon: Wer einen Ungläubigen umbringt, und das im Namen einer Gottheit, der raubt genau dem gemeinten Gotte die Zeit, aus dem Ungläubigen einen Gläubigen zu machen. Aber genug davon. Es gibt Sachen, die sind so blöd, dass man irgendwie gar nicht drüber schreiben kann. Karl Kraus fällt mir ein, der zu allem was zu sagen wusste. In Sachen Adolf Hitler konnte er nur anmerken, da falle ihm nichts mehr ein. Aristoteles schreibt in seiner Topik, wer nicht sehe, dass der Schnee weiß ist, der brauche bessere Augen und wer nicht wisse, dass man die Götter verehren soll, der bräuchte Zurechtweisung. In beiden Fällen wären Diskussionen jedenfalls nicht zielführend. Menschen, die nicht lesen können, schreibt man keine Briefe, und wie will man Leute, die nicht denken können oder wollen, zum Nachdenken anregen?

Übrigens, die Muslime, mit denen wir es in unserem Job täglich zu tun haben, die meinen mit den Ungläubigen in aller Regel auch die Atheisten. Alle Muslime, mit denen ich bisher sprechen konnten, respektierten mich besonders, weil ich einen Glauben habe, den ich beschreiben kann und lebe. Sie haben ein Glaubensbekenntnis, das zwar nur einen Satz lang ist, aber sie haben eins. Der christliche Glaube gibt mehr zu denken und braucht ein ganzes Glaubensbekenntnis. Aber der Glaube ist beschreibbar und das macht ihn aus.
Mit allen Andersgläubigen, bei denen ich Gelegenheit hatte, etwas tiefer gehend zu sprechen, konnte ich mich auf die Formel einigen, unser Glaube ist verschieden und Gott wird am Ende sagen, wer sich wo geirrt hat. Aber dass jemand annimmt, am Ende sei da nichts und niemand, der die offenen Fragen klärt, das hat noch kein Gläubiger verstehen können.

Kennst Du den Spaemannschen Gottesbeweis? Er geht so: Dass ich jetzt gerade schreibe, ist wahr. Morgen ist wahr, dass ich gestern hier geschrieben habe. In fünftausend Jahren ist das selbe wahr, ebenso in unausdenklichen Zeiten. Gewesene Tatsachen vergehen nicht. Was ist aber, wenn eines letzten Tages die Welt vergeht? Ist die Tatsache, dass ich hier geschrieben habe, dann nirgends aufgehoben, nirgends bewahrt? Wir stoßen an die Grenze des Undenkbaren. Dass mit der Welt die Wahrheit vergeht, kann ich nicht denken. Aussprechen kann ich es, aber nicht denken. Ich kann sagen, dass ein Kreis vier Ecken hat, denken kann ich es nicht. Viel leichter fällt mir da mit zu gehen, wenn da einer sagte, er selbst sei die Wahrheit und das Leben. Mit anderen Worten, es gibt eine Gottheit einen Ort, an dem alles Wahre wahr bleibt und aufgehoben ist.
Ich liebe Gottesbeweise. Sie beweisen nichts, aber sie legen nahe. Und wenn ich mich mit meinen gläubigen Freunden zu einigen hätte, was ein Ungläubiger sei, dann würde ich einen ersten Vorschlag machen. Ein Ungläubiger ist vielleicht einer, der nicht bereit oder imstande ist, das Naheliegende auf die Weise des Glaubens auszuprobieren.

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9 Kommentare zu “Die Ungläubigen

  1. Es mag eine Kleinigkeit sein, aber ich finde sie relevant: Gar nicht so wenige Leute, die sich als Atheisten identifizieren, glauben gar nicht, es gäbe keinen Schöpfer der Welt, oder ihrer selbst.

  2. Es gibt Leute die sich als Gläubige identifizieren, aber mit Gott nix mehr am Hut haben. Das sind auch nicht wenige. Vielleicht sollte man diesen beiden Gruppen bessere Augen wünschen, damit sie erkennen, dass Schnee weiß ist.

    • Ich glaube, da hast du mich missverstanden. Atheismus ist (in seiner weiteren, aber meines Wissens ganz und gar nicht unüblichen Interpretation) die Abwesenheit eines Glaubens an einen oder mehrere Götter. Wer sich als Atheist bezeichnet, macht also nichts falsch, wenn er einfach nur keinen solchen Glauben hat, ohne gleichzeitig davon überzeugt zu sein, es gebe keine.

  3. @Muriel: Ist der Satz: „Ich habe keinen Glauben an eine Gottheit, bin von seiner Nichtexistenz allerdings nicht überzeugt“, nicht eine einfache Umschreibung für den Agnostizismus? Wenn ich etwas nicht verstanden habe, hilf mir vielleicht auf die Sprünge.

    @Gerd: Auf die Gruppe Leute, die Du beschreibst, würde ich etwas später gern noch zu sprechen kommen.

    • Agnostizismus ist je nach Deutung zum Beispiel die Überzeugung, dass wir grundsätzlich nicht wissen können, ob Götter existieren oder nicht, oder auch eine Spezifizierung, beispielsweise für einen agnostischen Theisten, der zwar glaubt, dass Thot existiert, es aber nicht zu wissen behauptet.
      Wie gesagt, es gibt sehr unterschiedliche Anwendungen dieser Begriffe, wie sich ja auch die unterschiedlichsten Leute Christinnen nennen. Aber es gibt eben auch die von mir beschriebene.

    • @Muriel
      Das wären dann Atheisten die davon ausgehen, dass es „wahrscheinlich“ keinen Gott gibt? Und: Kann jemand überzeugt sein, dass es etwas nicht gibt, ohne gleichzeitig davon überzeugt zu sein, dass es etwas gibt? Knifflig das Ganze. Also ich bin Christ und überzeugt davon, dass es Gott gibt, der sogar zu uns gesprochen hat. Um nicht vollkommen schizophren zu werden, kann ich nicht gleichzeitig davon überzeugt sein, dass es Gott nicht gibt, mit dem ich mich ja sogar unterhalte.

      • Ich sehe nicht, was daran so knifflig ist. Manche Atheisten glauben nicht, dass es keine Götter gibt, sie glauben lediglich nicht, dass es welche gibt.
        Wenn ich dir sage, dass ich einen geraden Geldbetrag in meinem Portemonnaie habe, dann kannst du mir das glauben, oder nicht. Und wenn du mir nicht glaubst, heißt das doch nicht unbedingt, dass du davon überzeugt bist, dass der Vertrag ungerade sein muss, oder?

  4. Kommt drauf an welcher Glaube gefragt ist. Wenn mir der Fallschirmspringer. mit dem ich einen Tandemsprung absolvieren soll, auf meine Frage ob der Fallschirm optimal gefaltet ist sagt: „Ich glaube schon“, werde ich wohl nicht mit diesem ins Flugzeug steigen. Ansonsten habe ich deinen Kommentar, zugegeben nach mehrmaligem durchlesen, verstanden.

  5. Oft scheint mir, Menschen nennen etwas Glauben, was die Eigenschaft von Geschmack hat. Z.B. mag der eine Beethoven und der andere Sting. Also etwas, das ich in mir vorfinde, für das ich aber kaum verantwortlich gemacht werden kann.
    Ich stelle in den Raum:
    a) Glaube ist eine Stellungnahme zu etwas Erkanntem, das mir aber eine freie Stellungnahme erlaubt.
    b) Glaube glaubt jemandem etwas. Ist also eine Stellungnahme zu einem Beziehungsangebot mit Konsequenz.
    Niemand wird von Gott für etwas verantwortlich gemacht und nach etwas beurteilt, das gar nicht in seinen Möglichkeiten war.

    Übrigens: Ich sehe den Begriff „Ungläubige“ im Islam als Synonym für Unterwerfungsverweigerer. Es geht um Ehre, nicht um Glauben im christlichen Sinn.

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