Voraussetzung für alles

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Briefe an unseren Bufdi

Als gegen Ende der Kindheit das allgemeine Wachsen noch nicht zum Ende gekommen war, schoss mein Schulkamerad Rainer noch mal reichlich ins Kraut. Er wuchs und wuchs und wurde immer länger. Weil er oft mit schlechter Laune kam, sagte sein Lehrer: Rainer sei zu lang geraten und mal wieder zu kurz gekommen. Heute hat sich das ausgeglichen. Zu Rainers beträchtlicher Größe hat sich eine nicht weniger beträchtliche Breite gesellt. Aber das mit dem zu kurz gekommen sein, das ist geblieben, das bleibt nämlich bei allen.
Zu kurz gekommen sein, nicht bekommen haben, was einem vermeintlich zustand, das war die erste schwere Sünde bereits im Paradies. Kain war zu kurz gekommen. Der Schöpfer hatte dem Opfer seines kleinen Bruders Aufmerksamkeit geschenkt, nicht ihm und dem, was er verbrannte. Das kostete dem Kleinen das Leben, und er wurde kurzerhand erschlagen.
Was hier von den ersten Menschen erzählt wird, das gilt irgendwie für alle, wenn man den Leuten vom Fach vertraut. Kritiker der Genesis sagen, die erst genannten Menschen habe es nie wirklich gegeben. Doch, sage ich, wir alle sind diese ersten! Oder will jemand behaupten, ihn habe noch nie die Wut gepackt, weil er sich zu kurz gekommen vorkam? Es erschlägt nun nicht jeder gleich seine Geschwister, aber den Impuls, den dürften alle kennen.
Neulich sagte mir jemand, es sei der Hunger nach Anerkennung, nach Liebe, der zu solchen Regungen führe. Kain habe zu wenig Liebe erfahren. Das mag sein, aber es stellt sich damit die Frage, ob er tatsächlich nicht hinreichend geliebt wurde, oder ob er die Liebe, die ihn trug, nicht genügend spüren oder wenigstens wissen konnte.

Es war am Strand irgendwann, da erklang eine Frauenstimme, die rief: „Wenn du mich lieben würdest, dann bekäme ich die Muschel von dir.“ Wir haben uns tunlichst heraus gehalten, aber es wäre die Frage, ob der Mann seine Frau geliebt hat oder ob sie sich seiner Zuneigung ohne die Muschel nur nicht sicher sein konnte. Geliebt werden reicht offenbar nicht. Es müssen Beweise her, und um endlich auf unsere Frage zu kommen: Hier scheint der Allmächtige manches liebe Mal die Beweise zu verweigern.
Die heilige Therese war schon alt, als der Herr sie wieder mal aufs Land schickte, um in einem ihrer Klöster für Ruhe zu sorgen. Es war dunkel, es regnete in Strömen und der Kutsche brach die Achse. Theresa saß pitschnass und frierend im Schlamm. Der Herr lächelte mit den Worten: „Siehst du, so gehe ich mit meinen Freunden um“, worauf Theresa treffend sprach: „Dann wundere dich nicht, wenn es so wenige sind!“ Das ist die Lage. Gott bekommt schlechte Noten im Betragen, weil er seinen Kindern nicht hinreichend zeigt, wie lieb er sie hat. Menschen würde man das nicht durchgehen lassen.
Jürgen Trittin hat sich geweigert, zum Eid seiner Einführung das „so wahr mir Gott helfe“ zu sagen. Auf die Frage warum, meinte er, er habe eben noch von keinem Gott eine Hilfe bekommen. Also ist er selber Schuld, dieser unsichtbare Meister, von dem alle Welt so viel Gutes zu sagen weiß.

Die Gläubigen haben Einwände, denn auch hier gibt es, wie so oft übrigens, eine Innen- und eine Außenseite der Angelegenheit. Man hat es nicht immer bewusst, aber es gibt viele Räume, die man erst betreten muss, um ihre Atmosphäre zu verkosten und Bescheid zu wissen. Von außen sieht man nicht, wie sich das Leben drinnen anfühlt. Unser Job, mein Lieber, ist ein passendes Beispiel. Von außen und gesehen hört man überall Stimmen, die sagen, die Einwanderer, die täglich zu uns kommen, dürften eigentlich nicht im Lande sein. Aber jeder, der nicht vollkommen verstockt ist und bei uns drinnen vorbeischaut, der sieht, welch prächtige Leute dabei sind; Leute, die man einfach gern haben muss und die wir einmal dringend brauchen. Das sicherste Mittel gegen Sorgen und schlecht ausgewogene Meinungen ist die Begegnung mit der Realität, und die ist in diesem Fall nur drinnen zu haben. Wenn wir nach außen gehen um zu reden und um für Verständnis zu werben, dann lautet die Voraussetzung für unseren Erfolg Glaube. Es ist der Glaube an das, was wir sagen oder vorher, der Glaube, den man uns selbst entgegenbringt. Wer Dir nicht glaubt, der wird draußen stehen und nie erfahren, wer Du wirklich bist.
Es gibt auch ein Außen und Innen in Sachen Beziehungen von vernunftbegabten Wesen. Auch in ihnen muss man irgendwie drinnen sein, um einander zu verstehen und kennen zu lernen. Wir müssen uns Einlass gewähren, es gibt keinen anderen Weg. Kain war draußen mit seiner schlechten Laune und seinem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. Er hätte glauben müssen, denn der Glaube ist die Eintrittskarte für das Drinnen. Hätte er das getan, dann hätte er vernommen, wie lieb ihn der Schöpfer doch hatte. Schau Dich um, die ganze Welt ist so gebaut und als Gott beschloss, sich ihr zu zeigen, da stand seine Vorgabe schon lange fest: Wer mir keinen Glauben schenkt, der kann mich nicht kennen lernen. Es gilt nämlich ein alter Grundsatz. Verstehen geht immer auf die Weise des Verstehenden. Wer Dir etwas sagen will, der muss in deiner Sprache sprechen und innerhalb der Vorgaben Deiner Welt, sonst wird nichts aus dem Unternehmen.

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