Sachen, die nicht nötig sind

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Briefe an unseren Bufdi

Ich weiß jetzt nicht, ob Du es schon wusstest, aber in unseren Kulturkreisen das Wort „Opfer“ im Munde zu führen macht einen nicht gerade populär. Wer etwas gelten will, der sollte vom Opferbegriff nur in der Absicht sprechen, ihn abzuschaffen. Wenn ich Dir hier aber etwas Sinnvolles über die Religion meiner Väter sagen will, dann muss ich diese Kröte schlucken. Ein Katolik, der nicht vom Opfer redet, ist wie ein Tierschützer, der Tiere nicht erwähnen will. Aber ich will eins klarstellen. Das Opfer Jesu hat weh getan, und so wird oft vom Schmerz geredet. Das ist keine schöne Sache. Das Eigentliche aber, was das Ganze ausmacht, ist nicht das, sondern die Hingabe und die Liebe, die sie motiviert. Wenn ein Verliebter zu Fuß über die Alpen geht, nur um seiner Geliebten in den Armen liegen zu können, dann ist die Freude am Ende sein Motiv, und wenn Sie ihn dann bewundert, dann nicht, weil er Blasen an den Füßen hat, sondern, weil er sie so bereitwillig in Kauf genommen hat. Natürlich sind die Schmerzen die Währung, in der zu zahlen war. Die Christen sprechen auch vom Preis der Schmerzen Jesu, die er geschultert hat. Sie bleiben aber etwas Unangenehmes und vor allem in Kauf genommenes. Bei jeder Reise geht es um ihr Ende, und „der Weg ist das Ziel“ wird hier völlig unverständlich. Epochen, die nichts zu bieten haben, feiern ein Jubiläum nach dem anderen, und das Preisen des Weges an sich hat nötig, wer kein Ziel vor Augen hat. Wer bringt schon sein Auto in die Werkstatt, nur dass mal jemand daran herum schraubt? Aber seis drum Wandern an sich ist schön, und es gibt schon jede Menge Dinge, die ihren Sinn in sich selber haben. Beim Opfer aber kann man so nicht sprechen. Opfer sind teleologisch, sie gibt es nur um ihrer Ziele willen.
Ich sage das übrigens alles hier als Kritik in meine eigenen Reihen. Es gibt eine Sorte Katholiken, die sich gern in Reden vom Schmerz und seinem Wert ergehen. Ich werde da immer den Verdacht nicht los, dass sie selber noch nicht wirklich welchen hatten.

Aber lassen wir das alles jetzt. Die wirksamste Kritik am Opfer ist die, dass es unnötig ist. Man geht nur zu Fuß über die Alpen, wenn man nicht fliegen oder fahren kann. Opfer werden nur gebracht, wenn sie sich nicht vermeiden lassen. Unumgänglich müssen sie sein, und hier setzt die Kritik nun an. Die Muslime beispielsweise haben keine Priester, weil sie sagen, die Menschen bräuchten keine. Jeder Mensch, so sagen sie, steht unmittelbar und allein vor Gott. Da muss nichts zwischen gebaut werden. Die Menschen, die nicht beichten wollen, sagen oft, sie bräuchten kein priesterliches Ohr, in das sie ihre Missetaten sagen müsste. Gott sei ihnen nahe genug. Nach den Maßstäben der modernen Praktikabilität wird dem kaum zu widersprechen sein. In der Moderne haben Erklärungen möglichst smart und effizient zugleich zu sein. Möglichst schlank, möglichst günstig und wirksam lautet die Kombination. In der Antike und im Mittelalter, den Epoche also, denen wir unser Model hier verdanken, galt das nicht. Da trug das Ideal des Üppigen. Früher wären eher dicke Damen über den Laufsteg gelaufen.
Das Ideal der Üppigkeit kommt aus den Bildern der Bibel. Als eine Frau des Herren Füße salbte, fragte Judas aus der zweiten Reihe, ob es nicht auch weniger vom Öl getan hätte. Er hatte nicht verstanden, wer Jesus war. In ihm wohnte die Gottheit, für die ein ganzes Universum zu schaffen genau so keine Mühe macht, wie ein einziges Senfkorn. Dreitausend Brote zaubern kostet ihn nicht mehr als eins. Wir sind das nicht gewohnt, weil wir immer sparen und einteilen müssen. Mit einer Börse aber, die nie leer wird, lässt sich ganz anders denken.

Ein Gott der alles kann, könnte sich die Instanz der Priester in der Tat ersparen. Das Prinzip, es soll nicht sein, was nicht sein muss, gilt hier aber nicht. Es geht hier nicht um die Frage, was Gott alles kann. Es geht einzig um die Frage, was er will, und da ist der Befund ziemlich eindeutig. Er will den Priester, und er wollte in seinem Sohn selbst der Priester sein. Wir sollten uns also an den Gedanken gewöhnen, dass Gott auch wollen kann, was gar nicht nötig wäre. Aber wenn er es wünscht, dann wünscht er es nunmal. Wir müssen uns überhaupt mit dem Gadanken vertraut machen, dass wir von Dingen reden, auf die nie ein Mensch gekommen wäre. Kein Menschenhirn hätte sich die Menschwerdung der Gottheit einfallen lassen oder je gewagt, sie zu verkünden. „Völlig undenkbar!“ hätte alle Welt gesagt, ind sie wäre sicherlich nicht zimperlich mit ihm umgegangen. Es ist sehr verständlich, dass wir unsere muslimischen Vettern und Cousinen damit skandalisieren. Wir stehen aber hier und können nicht anders. Deshalb heißt das erste der Gebote im Gespräch verschiedener Meinungen das Schaffen und Erhalten eines aufrichtigen Freundschaftswillens auf beiden Seiten der Gräben, die uns nunmal trennen.

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