Gott oder Gottheit?

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Briefe an unseren Bufdi, Teil 2

Du hast Recht und soweit waren wir auch schon, aus nichts kann nichts werden. Es gibt zwar Leute, die etwas in der Richtung behaupten, sie meinen mit dem Nichts aber nicht wirklich nichts. Irgendwas muss vor dem Urknall schon da gewesen sein. Was soll denn knallen, wenn da gar nichts ist? Und wenn wirklich nichts da war, ich meine ganz und gar nichts, woher soll das erste Zeug dann gekommen sein? Die alten Denker wussten das. Aristoteles nahm deshalb an, die Welt sei ewig, also immer schon gewesen. Auch ein viel jüngerer Denker namens Nietzsche zum Beispiel sprach von einer ewigen Wiederkehr des gleichen. Irgendwann schaute er auf einen großen Felsen im Wald und hatte eine Art mystisches Erlebnis, was ernst nehmen kann, wer will. Auf jeden Fall hielt er es für ziemlich genial, dass ihm seine Idee kam, die in vielen Varianten schon Tausende vor ihm hatten. Ich würde sagen, es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder gab es nie was oder irgendwas war immer schon. Aber gut, darauf haben wir uns ja schon geeinigt.

Bei den Denkern der Welt, die sich mit uns geeinigt haben, gab es einen, der sich dachte, alles müsse irgendwie aus einem einzigen gekommen sein. Die Vielfalt der Welt sei nur zu erklären, wenn man ein einziges als Anfang annehmen würde. Das geht in unsere Richtung, als wir etwas vorschnell von der Gottheit sprachen, der sich alles irgendwie verdanken würde. Plotin, so hieß der Mann, der sich das ausdachte, sprach nicht von Gott, sondern vom großen Einen. Das tun heute auch viele, etwa wenn sie sagen, irgendein höheres Wesen werde es schon geben. Hier ist Gott ein bisschen wie die Lampe, die nicht weiß, dass Licht aus ihr strömt, und der Name Gott passt irgendwie nicht mehr richtig. Wer von Gott spricht, der meint eher eine Lampe, die denken kann und weiß, dass sie eine Lampe ist. Das Wort Gott wird im Allgmeinen gehandelt wie der Vor- oder Nachname eines Wesens, das Bewusstsein hat. Gott wird eher als ein Jemand denn als ein Ding verstanden. Deshalb sprechen wir in der Philosophie besser von „der Gottheit“.

Übrigens. Das etwas große Wort „Philosophie“ muss hier herhalten, weil die Philosophie sozusagen die Sprache der Gläubigen und Ungläubigen zugleich ist. Wenn ich nur mit gläubigen Leuten spreche, kann ich in Ruhe von Gott reden und Gott als Argument gebrauchen. Wenn mir ein Atheist aber jedesmal mit seinem „den gibt es doch gar nicht“ in die Flanke fährt, dann hat er Recht. Wenn ich mich ernsthaft mit ihm unterhalten will, dann muss ich auf alle Argumente verzichten, die mit Gott zu tun haben. Die Sprache der Theologie, also der Lehre von Gott, ist ungeeignet, mit Nichtgläubigen zu verhandeln. Das will ich aber, deshalb braucht es den kleinsten gemeinsamen Nenner, und der ist die Sprache der Philosophen. Hier müsste Gott eigentlich immer „die Gottheit“ heißen, damit nur die Stelle, oder die Funktion genannt wird. Gott ist, wie Christus auch, kein Name, sondern ein Titel. Wenn Christus ein Nachname wäre, dann würde ich, wie eine Zeitung neulich schrieb, empfehlen, über eine Namensänderung nachzudenken, bei dem, was sich alles christlich nennt. Christus ist ein Titel und heißt der Gesalbte, und zwar der, an den die Christen glauben, den die Muslime ablehnen und auf den die Juden noch warten. „Gott“ oder „Gottheit“ ist die Beschreibung einer Instanz, wenn man so will. In der Sprache der Philosophie auch „erstes Prinzip“ genannt, aus dem alles kommt. Was das ist, darüber könnten wir ja mal nachdenken.

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8 Kommentare zu “Gott oder Gottheit?

  1. Ich weiß ja nicht, wie ernst diese Reihe hier gemeint ist, aber falls du das wirklich denkst:
    „Ich würde sagen, es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder gab es nie was oder irgendwas war immer schon.“
    würde mich interessieren, wieso. Weil ich das erstens als Annahme ziemlich willkürlich finde und zweitens (ist natürlich irgendwie auch mit erstens verworben) nicht ganz verstehe, wie man für diese Frage die Existenz von Zeit, wie wir sie kennen, so selbstverständlich implizieren kann. Aber wie gesagt, falls ich was missverstanden habe, pardon.

  2. Hi Muriel, meine Reihe ist semiernst und polemisch. Sie soll aber möglichst nichts Falsches, also nichts Kontradiktorisches an sich haben. Mein Entweder-Oder meint zweierlei. Gibt es ein Drittes? Ich lasse mich da gern belehren. Ich würde meinen, mein Entweder oder ist nicht willkürlich, wohl aber meine persönliche Wahl für das zweite, also dass immer schon was war.

    Die Existenz von Zeit ist, wenn ich richtig sehe, nirgends impliziert. Vor dem Bang, sofern wir von ihm einmal ausgehen, kann das, was wir Zeit nennen nicht gewesen sein. Deshalb fürchte ich, DEINE Frage nicht recht verstanden zu haben: Wo wird Zeit impliziert?

  3. Naja, es gäbe noch diverse andere Möglichkeiten, darunter die, dass es mal nichts gab, jetzt aber schon.
    Zeit implizierst du mit Begriffen wie “nie“, “immer“, und “vor“. Vor dem Urknall könnte Zeit gewesen sein. Oder die Frage ergibt schon keinen Sinn. Oder noch was anderes. Wir wissen das halt nicht, soweit ich weiß. Bin aber natürlich auch kein Experte.

  4. Du meinst, aus gar nichts plötzlich etwas da, und das ganz ohne veranlassende Instanz?

    Zeit als solche kann nur sein, wenn es etwas gibt, was sich irgendwie ändert, oder nicht?

  5. Darf ich noch mal nachfragen? Du nimmst an, dass aus ganz und gar nichts ohne Veranlasser etwas werden konnte? Darf ich da noch mal nachfragen? Kann es auch sein, dass entweder etwas oder auch alles auf einmal ohne Veranlassung plötzlich einfach nicht mehr da ist? Ich frage das in allem höflichen Ernst. Du machst mich nachdenken.

    • Ich nehme es nicht unbedingt an, ich sehe nur nicht, mit welcher Rechtfertigung wir es ausschließen könnten. Soweit die Gesetze dieses Universums verstanden sind, scheinen sie eher dagegen zu sprechen, dass Dinge verschwinden oder erscheinen, denn Energie bleibt bei allen bisher beobachteten Prozessen erhalten. Andererseits spricht auch einiges dafür, dass die Gesetze, die jetzt gelten, nicht übertragbar sind auf dieses Universum unter anderen Bedingungen (zum Beispiel unter extrem hohen Energiedichten wie am Anfang), geschweige denn auf Prozesse, die sich nicht in diesem Universum abspielen. Und sogar innerhalb dieses Universums scheint es sowas wie virtuelle Teilchen zu geben. Die entstehen als Vakuumfluktuation, soweit ich weiß, spontan und ohne Ursache, wenn auch als Paare, die einander in aller Regel sehr bald wieder auslöschen.

  6. Verstehe. Ich glaube, ganz gute Argumente bemühen zu können. Es wird aber besser sein, ich lege sie aber am besten in ein- zwei Kapiteln. Nicht zuletzt auch, um hier im Kommbereich nicht zu lange zu reden.

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