Die Liebe kann man nicht fühlen

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Briefe an meinen Doktor

Heute werde ich mich wohl wieder mal dem Verdacht der Ketzerei aussetzen. Das habe ich schon öfter getan, nämlich immer dann, wenn ich behauptet habe, es existiere kein Gott. Solcherlei Behauptung führt in frommen Kreisen ganz gern zu Aufschreien, die sich nicht beruhigen lassen. Wie bei dieser bestimmten Sorte Moslems, wenn sie das Gefühl haben, die Ehre ihres Propheten würde angetastet. Dann wird immer erst getötet, und danach diskutiert. Der Keim dieses Wahnsinns steckt auch bei manchen unserer Frommen durchaus im Blute. Nur dass die Christen nicht mehr töten, was natürlich ein wesentlicher Fortschritt in der Sache ist.

Bei meiner These von der Nichtexistenz Gottes hatte ich mit dem Areopagiten natürlich immer einen bedeutenden Zeugen zu nennen. Meine Thesen sind ja nie von mir, sondern immer irgendwo her. Dionysius hatte schlicht gesagt, Gott gebe es natürlich wohl, er sei aber eben doch über alle Existenz erhaben. So lautet denn auch die These, Gott ist, er kann aber seiner Gottheit nach nicht in die engen Grenzen unseres Existierens gezwängt werden. Wir teilen uns mit Gott eben keine Grenze, und wer immer an ihn glaubt und eine vernünftige Dogmatik verteidigen kann, der muss das sagen. Der Satz: „Alles, was es gibt, das existiert auch“, stimmt eben nicht, nicht jedenfalls für Gottgläubige Leute, die vernünftig über ihren Glauben nachdenken.

Natürlich heißt existieren, da sein, selbst sein und bestehen. Das „Ex“ im Wort sollte aber nicht unterschlagen werden. Existieren heißt immer auch aus etwas sein, sein Sein von irgendwo her haben. Da scheidet die Gottheit sofort aus. Die alten Griechen haben schon gedacht und geschrieben, wenn wir eine wirkliche Gottheit denken wollen, dann gehört zu ihrer Definition, nicht aus etwas heraus zu sein, sondern dasjenige zu sein, aus dem alles andere ist. Gestern zufällig hat mir noch ein Polemiker die Frage vorgelegt, wer Gott denn gemacht habe. Das war wieder mal die Frage eines Fragenden, den die Antwort nicht interessierte. Die lautet ja, es gehört zur Definition des Göttlichen, aus sich selbst zu sein und sich nichts und niemandem zu verdanken. Das hätte ich auch meinem Kugelschreiber erzählen können. So ist es aber. Ansonsten wäre der Liebe Gott nicht mehr als Zeus und Poseidon.

Nun aber zu meiner ketzerischen Behauptung: Die Liebe ist nicht nur kein Gefühl, sie ist auch überhaupt nicht spürbar. Jedenfalls nicht, wenn sie das ist, was ich unter ihr verstehe, und meine Behauptung schließt sich der von der Nichtexistenz Gottes an.
Ich zitiere den heiligen Johannes nicht sonderlich gern, wenn er „Gott ist Liebe“ sagt. Der Satz kann nämlich unmöglich eine symmetrische Gleichung sein. Gott ist Liebe, aber lange nicht alles, was Liebe ist, ist Gott.
Prospero hatte gut reden, wenn er sein „Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“ daher sagte. Keiner würde nach einem starken Traum sagen, er habe in der letzten Nacht den Prospero und seine Leute im Kopf gehabt. Keiner wird je wissen, aus welchem Zeug die Träume wirklich sind, und niemand sieht Träume, sondern nur die Sachen und Wesen, die in ihnen auftauchen. Ganz ähnlich wird niemals jemand wissen, woraus die Liebe ist und sie selbst entzieht sich sowohl jedem Sehen, Tasten und somit allem Fühlen. Nicht die Liebe wird gespürt, sehr wohl aber alles mögliche, was sie tut. Wäre ich ein Schreiber mit Reichweite, dann gingen jetzt vermutlich kleine Stürme der Entrüstung und Diskussionen los, aus denen sich kein Honig saugen lässt.

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7 Kommentare zu “Die Liebe kann man nicht fühlen

  1. Existieren ist einfach ein einerseits gebildeter klingendes, andererseits ein grammatisch einfacher brauchbares (da kein Hilfsverb) Wort für „sein“.

    Usus tyrannus – gegen den Sprachgebrauch gibt es keine höhere Instanz.

  2. In der Sprache der Ontologie wird allerdings unterschieden. Das muss gestattet sein. Ansonsten „dürfe“ man auch nicht zwischen Caritas und Amor unterscheiden, weil alle immer nur Liebe sagen.

  3. Betreffs Liebe bin ich aber gespannt, was noch kommt.

    Ich selber hätte ja gesagt, daß die Fühlbarkeit der Liebe ein Normalzustand ist, der Ausnahmen (nennen wir sie einfach mal von ihrer Parallele im Glaubensleben her, dann wissen wir, was gemeint ist: „Trockenheiten“) kennt, die aber ebenso wie die Trockenheiten im Glaubensleben nicht der Normalzustand sind. Ein Gläubiger erträgt die Trockenheit und hofft, daß sie bald vorbeigeht (oder will sich durch ihr Aushalten Verdienste erwerben), als natürlich für seinen Glauben wird er sie nicht empfinden: und ebenso mE ein Liebender.

    • Man darf zwischen Caritas und Amor unterscheiden. Sätze wie „Die hl. Theresa von Kalkutta hatte jahrzehntelang keine Liebe“ oder, trotz der zweifelhaften Beliebtheit in frommen Kreisen, „Major Crampas hatte gar keine Liebe zu Effi von Innstetten“ (wenn dort Amor, hier Caritas gemeint ist) gehen dennoch mE nicht an.

      Aber, verzeih die Spitze, „wir sagen zwar ‚Gott existiert‘, was im Sinne der eigentlichen Wortbedeutung von ‚existieren‘ müßten wir uns eher doch die Mühe machen ‚Gott ist‘ zu sagen“ klingt halt nicht so schön provokativ wie, als Gläubiger (!) mit „Gott existiert nicht“ aufzuwarten…

  4. Zustimmung in allen Punkten. Natürlich ist eine Überschrift wie „Gott existiert nicht“ provokant, und sicher als solches gewollt. Zugleich aber eben auch eine Einladung, sich zur Ontologie einmal Gedanken zu machen. Meine Doktorbriefe zur Liebe sind alle irgendwie von dieser Art und ein abgemachtes Nebengleis zum eitlen Vergnügen, etwas spitzfindiger daher zu kommen. Aber eben im Versuch stehend, nicht gegen die Regeln der Logik zu verstoßen.
    PS: Wer spitzfindig schreibt, hat sich über Spitzen zu freuen. Zu verzeihen gibt es da nix. 😉

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