Die Burka und die Welt um sie

Bildschirmfoto 2016-08-16 um 14.07.08

Eine Leserin merkt an, in meinen ersten Gedanken zur Burka (alle anderen Maßnahmen zur Bedeckung des Gesichtes sind immer gleich mit gemeint) komme das Thema mit der Gleichberechtigung nicht vor. Es werde nicht erwähnt, dass sie ein „Kleidungsstück nur für Frauen“ sei. Stimmt, das kam nicht zur Erwähnung. Ich versprach etwas vorschnell nachzuliefern. Zuvor würde ich allerdings noch einen Zweifel anmelden. Ich glaube nämlich, es gibt gute Gründe, die uns zu sagen erlauben, dass die Burka eigentlich nicht unter die Kleidungsstücke gezählt werden kann. Kleidungsstücke kleiden, die Burka versteckt, was zu kleiden wäre.

Ich gehe jede Wette ein, die Eva hat sich im Paradies nicht irgend ein Feigenblatt gesucht, sondern eins, hinter dem sie schön aussieht. Für den Adam wird vermutlich eins gereicht haben, was einfach nur groß genug war. Unsere Evas wollen schön aussehen und nicht gar nicht.

Kleidung verdeckt, das hatten wir gesagt. Aber sie tut es nicht nur. Niemand bittet in einem Geschäft für Hemden um irgendwas, was seine Brust bedeckt. Es soll ein Hemd sein, was passt und die Person kleidet. Es soll, soweit möglich, das Hübsche hervorheben und das weniger Hübsche etwas kaschieren. Geeignete Kleidung unterstreicht die Persönlichkeit in positiver Weise. Wenn die Behörde einen Stoffsack über ein Verkehrsschild stülpt, dann einzig, damit nicht gesehen und beachtet wird, was drauf steht. Dabei ist es egal, ob der Sack schwarz oder grau ist. Unauffällig soll er sein, und das Schild gar nicht zu erblicken. Deshalb ist ein solcher Sack für das Schild kein Kleid.

Wir haben etwas Wesentliches aber noch nicht gesehen. Ich habe meinen türkischen Freund einmal gefragt, ob sich die Frauen seiner heimatlichen Gegend schminken dürfen. „Ja“, hat er geantwortet, „natürlich, aber nur im Haus.“ Auch da kommt eine Sache nur zur Hälfte auf ihren eigenen Begriff. Wenn ich richtig sehe, gibt es zwei Gründe, sich schön zu machen. Einmal für die eigenen Leute und einmal für die Welt. Über den ersten Grund brauchen wir nicht lange zu reden. Uns sollte es hier um die Möglichkeit zu tun sein, ein Weltverhältnis zu haben. Alles, was in der Welt ist, bildet diese. Wir stehen nicht auf einer Bühne, über der „Welt“ geschrieben steht und mit der wir nichts zu tun haben. Jeder ist ein Teil seiner eigenen Welt und baut diese mit. Auch wenn sich Mönche mit gutem Recht in ihrem Kloster zurückziehen, so ist dieses doch ein Teil der Gegend, die sie pflegen. Gerade die Mönche haben ein besonderes Verhältnis. Sie geben mit ihren Gesängen der stummen Kreatur ihre Stimme, dass auch diese den Schöpfer preisen können. Das ist kein stummes Abschotten, sondern ein Dienst, den sie versehen.

Mit dem Schönmachen aber ist es anders. Es gestaltet ein offensives Weltverhältnis. Wer sich schön macht, der will gefallen, und zwar der Umwelt seines Lebens. Wer lustig ist, der will seine Welt zum Lachen bringen. Und weil er darin lebt, hat er ein Heimatrecht, sein Bestes zu geben und sein Schönstes zu zeigen. Das zu verbieten verstößt gegen ein elementares Fundament. Das gleiche, das die Vögel haben, auf den Dächern zu singen und was der Walfisch hat, wenn er die Meere durchpflügt. Ich halte solche Rechte für nicht aufhebbar und mit einer halbwegs wachen Vernunft einzusehen. Hier etwas mit religiösen Mitteln zu beschneiden und zu verbieten, dürfte unter die Kategorie fallen, Unrecht tun und glauben, dem Herrn einen Gefallen zu erweisen. Auf die Dauer dürfte sich der Schuss nach hinten lösen.

Man wird mit Chesterton sagen dürfen, eine gute Religion muss mit der Vernunft verheiratet sein. Jede Religion kommt mit Inhalten daher, die die Mittel der Vernunft übersteigen. Anders wäre sie keine Religion. Aber übervernünftig und unvernünftig sind zwei sehr verschiedene Angelegenheiten. Unvernunft mit Religion zu verteidigen zerstört gleich beides.

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