Ist die Liebe ein Gefühl?

Bildschirmfoto 2016-05-23 um 13.30.11

Briefe ein meinen Doktor

In unserer Frage, was die Liebe denn nun sei, kann man  Niklas Luhmann wahrscheinlich nicht ganz umgehen. Luhmann zitieren macht sich, nebenbei bemerkt, auch immer besonders gut, wenn man was gelten will. Er stellt sich uns hier zunächst hilfreich zur Seite, weil auch er die Liebe nicht für ein Gefühl hält. Dann aber sagt er etwas für uns im Moment weniger Brauchbares, insofern er aus dem Fach seiner Soziologie spricht. Dort wird die Liebe als ein Code der Intimität beschrieben, und ohne gleich sagen zu müssen, was das des Näheren bedeuten könnte, reicht der Hinweis, dass uns das gerade wenig nützt, insofern Codes Bezeichnungen für funktionale Seiten sind.

Wenn man in der Scholastik die Schulbank drückt, dann interessieren einen tendenziell zuerst eher ontologische Angaben, das Substantielle, wenn man so möchte. Der Soziologe fängt gleich mit den Beziehungen an. Unser Briefträger im Dorf meiner Kindheit war ein netter, dicker Mann, der auf seiner Tour gern für einen kleinen Plausch bei meiner Mutter am Küchentisch saß. Auf die Frage, was dieser Mann war, würde man sagen, er war ein Mensch. Auf die Frage, was sein Beruf war, lautete die Antwort Briefträger. Die erste Frage zielt auf das, was er ist, die zweite auf das, was er tut, nämlich Briefe in die Häuser tragen. Der scholastische Typ möchte zunächst wissen, wer der Mann mit den Briefen ist und dann erst, wem er sie bringt.

Auf die ontologische Frage, was denn die Liebe sei, antworten viele dennoch, sie sei ein Gefühl. Die Antwort hat viele Befürworter, auch renommierte. Ich kann ich aber nicht dagegen wehren zu denken, dass da etwas nicht stimmen kann. Gefühle kommen und gehen. Zwei Grad Körpertemperatur ändern unser komplettes Weltverhältnis. Eine einzige Laus über die bis dahin gut gelaunte Leber gerannt sorgt dafür, dass nur noch die Laus gute Gefühle hat. Die Liebe muss stabiler sein.

Aber mal angenommen: Wenn die Liebe ein Gefühl ist, dann dürfte schwer zu sagen sein, welches denn genauer, oder wie dessen Kern zu umschreiben sei. Der Schmerz der verlorenen Liebe ist auch ein Liebesgefühl. Ein Teil von unsrem Innern will dieses nicht. Wer will schon trauern. Aber wenn man uns anböte, es gegen ein wenig Geld heraus kaufen zu können, dann wollen wir es plötzlich doch behalten, denn mit dem Weggehen des schmerzhaften Gefühls wäre irgendwie auch die Liebe weg. Die Trauer hat eine Seite, die wir lieben, und eine Seite, die wir nicht wollen können. Selbst wenn der Schmerz der Trauer überwunden ist und am Ende nur noch diese Liebe überlebt, so bleibt ihr doch das Fehlende. So ist dieses Gefühl irgendwie von anderer Art als jenes, das wir mit allen Fasern unseres Herzens am liebsten für immer behalten würden, das Gefühls der lebendigen Gemeinschaft mit dem Geliebten.
Ich kann mir nicht helfen, wenn die Liebe als ein Gefühl beschrieben werden soll, dann beißt sich meine Katze immer irgendwie in den eigenen Schwanz. Deshalb würde ich die Liebe ihrer Wurzel nach eher beim Sehen und Erkennen, als beim Fühlen suchen wollen.

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