Alfred Polgar und die Flüchtlinge

port

Polgar

ZU EINEM GEGENWARTSTHEMA (1939)

Es irren derzeit sehr viele Menschen, verzweifelt nach Obdach und Lebensmöglichkeit suchend, in der Welt herum. In diese Situation kamen sie nicht durch eigene Schuld, sondern durch fremden Willen. Aber das ändert wenig an ihrem Schicksal. Unglück stigmatisiert wie Aussatz. Eine Weile, eine kurze Weile weckt es Mitgefühl, bald Ungeduld, am Ende Ablehnung und Widerwillen. Die Menschen, geneigt, aus der eigenen Not eine Tugend, sind noch mehr geneigt, aus der fremden Not ein Verbrechen zu machen.

[…]

Flüchtlinge in Menge, besonders wenn sie kein Geld haben, stellen ohne Zweifel die Länder, in denen sie Zuflucht suchten, vor heikle materielle, soziale und moralische Probleme. Deshalb beschäftigen sich inter- nationale Verhandlungen, einberufen, um die Frage zu erörtern: »Wie schützt man die Flüchtlinge?« vor allem mit der Frage: »Wie schützen wir uns vor ihnen?«

Oder, durch ein Gleichnis ausgedrückt: Ein Mensch wird hinterrücks gepackt und in den Strom geschmissen. Er droht zu ertrinken. Die Leute zu beiden Seiten des Stroms sehen mit Teilnahme und wachsender Beunruhigung den verzweifelten Schwimmversuchen des ins Wasser Geworfenen zu, denkend: wenn er sich nur nicht an unser Ufer rettet!

Text von hier.

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3 Kommentare zu “Alfred Polgar und die Flüchtlinge

  1. Wow. Ja, so ist es – und als fleißiger Helfer muss man sich immer wieder in Acht nehmen, nicht so zu werden. Der Versucher flüstert den Satz ein: „Der Hilfsbedürftige könnte ja auch einfach mal irgendwie anders sein – andere Eigenschaften mitbringen, andere Begabungen, andere Vorlieben.“

  2. Oh ja, die Lektion gehört zu den Hauptfächern, die ich mir selbst und meinen Jugendlichen versuche beizubriegen: Gewissen Gedankenversuchungen mit der Neigung zum Ressentiment aktiv entgegen zu stehen. Im Fall des gelegentlichen Gelingens ist die Freude um so größer. Wir konnten unserem überglücklichen Jungen, einen Hasara aus Afghanistan gerade in seine Ausbildung zum Dachdecker „entlassen“.

  3. Vorgestern hatte meine Tochter Besuch von einer Freundin. Diese studiert in Berlin, wohnt im Stadtteil Lichtenberg, U-Bahn Station Magdalenenstraße. Sie erzählte uns und ich fand das sehr interessant, dass sie ursprünglich voll für Angela Merkel ihre Flüchtlingspolitik eingestellt war, spich ihre „Willkommenskultur“. Inzwischen allerdings kommen ihr starke Zweifel, ob das wirklich alles „Hilfsbedürftige“ sind. In der U-Bahn begegnet sie jungen Männern ausländischen Aussehens, die sie anstarren, aber nicht so ganz normal, sondern mit haßerfülltem Blick. Sie hat denen aber nichts getan, kleidet sich auch völlig sittsam für unsere europäischen Verhältnisse, mit langem Rock, T-Shirt ohne Ausschnitt, ist ungeschminkt. Wirkt also äußerlich nicht irgendwie anstößig für die muslimische Kultur, na ja, Kopftuch oder Burka trägt sie natürlich nicht. Aber wir sind hier ja auch nicht in Saudi Arabien. 😉 Aber das ist noch nicht alles. Junge Männer einzeln oder in kleinen Grüppchen, von denen es da viele gibt, laufen auf der Straße provokativ ganz dicht an ihrem Gesicht vorbei, berühren fast ihre Nase bzw. ihr Angesicht mit ihrem Körper, obwohl genug Platz wäre, mit Abstand vorbeizulaufen oder fassen beim Vorbeilaufen an ihre Hand, stellen sich ganz dicht neben sie usw. Wenn sie ausländischen Familien mit Kindern begegnet, hat sie keine Angst, da ist alles in Ordnung, aber ansonsten fühlt sie sich NICHT MEHR SICHER. Leider muss sie durch ihren Job, mit dem sie ihr Studium finanziert, auch noch bis 21.00 Uhr mit der U-Bahn nach Hause fahren. Da ist es jetzt schon dunkel. Alles nicht sehr prickelnd.

    Das ist eben auch eine Lektion – geschildert aus erster Hand – nicht irgendwo aus der Zeitung entnommen, die sowieso nur die Spitze des Eisberges schildert. Bei aller Willkommenskultur werden solche Probleme, die da auf uns als einheimische Bevölkerung wohl noch so zukommen werden gerne unter den Teppich gekehrt, ja man wird sogar sofort in die braune Ecke gestellt.

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