Ist die Liebe eine Energie?

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Briefe an meinen Doktor

Es brauchte gar nicht viel, und schon kommt sich jemand, der friedlich über die Liebe sinnieren möchte, vor wie einer, der zur Fidel greift, während Rom in Flammen steht. Aber genau das muss getan werden. Wer sich die Kultur vergraulen lässt, der hat am Ende auch keine mehr.

Vor Tagen gab es hier, in einer sommerlichen Nische freundschaftlichen Friedens, ein Gespräch, das über die Liebe und das ewige Leben gehen sollte. Einer meine Gesprächspartner, übrigens von einnehmender Liebenswürdigkeit und Bildung, meinte, die Liebe sei seiner Meinung nach eine Energie, die auf die Dauer genau so erforscht sein würde, wie der elektrische Strom heute. Auch den habe man vor dreihundert Jahren nicht hinreichend gekannt. Die Linien länger ausgezogen, bedeutet das, bedauerlicher Weise könnte dann irgendwann die Hypothese Gott wahrscheinlich auch erledigt sein.

Sie wissen, werter Herr Doktor, ich bin anderer Meinung, und wir gerieten nach kurzer Zeit zu jenem Punkt, an dem solcherart Gespräche wieder wohltuend an die Oberfläche kommen. Der Punkt nämlich, an dem wir beide wussten, dass unsere Meinungen Meinungen sind; nämlich solche, die man mitbringt und dann mit Wissen zu polstern sucht. Meinungen hat man und meine kann ich vorab mit einem Satz skizzieren:

Energien sind tot, die Liebe lebt und Leben kommt immer aus Leben.

Das macht den großen Unterschied. Die Liebe versetzt uns in hochenergetische Zustände und bringt starke Energien hervor. Sie selbst ist aber keine solche, weil sie viel mehr und ganz anders ist. Es wäre einfach nicht richtig, wenn Ihre Frau Ihnen sagte, sie verspüre eine solche Energie für sie oder sie beide seien höchst energiegeladen für ihre beiden Söhne. Jedes Kind spürt, und unsere gesamte Intuition weiß, dass da etwas nicht stimmt und etwas Hoheitliches auf viel zu niedrigen Niveau besprochen wird. Die Liebe ist königlich. Energien können das nicht werden.

Ich habe da persönlich eine strenge These: Man kann die Liebe nicht erforschen. Das meine ich im absoluten Sinn. Ein „bis jetzt nur noch nicht“ meines liebenswürdigen Gegenübers lasse ich für mich nicht gelten. Ich habe mein liebes Beispiel vom Spaemannschen Projektor bemüht und gesagt, im Film weiß man nicht, dass man ein Film ist. Ich wollte damit zeigen, dass die Wissenschaft absolute Grenzen hat und aus ihrem eigenen Film nicht heraus kommt. Solange unsere Kultur nicht aus der Kurve fliegt, wird die Wissenschaft immer ihre begrüßenswerte Fortschritte machen. Es sind aber immer solche innerhalb ihrer Welt. Keine Kamera kann sich selbst von hinten filmen.

Wenn ich nicht irre, war es Popper, der vom Irrtum der versprechenden Wissenschaft gesprochen hat. Einer Wissenschaft die vorgibt, irgendwann hinter die Dinge zu kommen und nur noch nicht so weit zu sein, ist nicht über den Weg zu trauen. Es ist nicht, wie wenn einer weiß, dass sein Haus nichts verliert und dass er seine Socken irgendwann findet. Es war auf jeden Fall Poppers großer Gegner Wittgenstein, der von der Täuschung der modernen Weltanschauung schrieb, die sogenannten Naturgesetze würden die Naturerscheinungen erklären. Das tun sie nämlich überhaupt nicht. Die Wissenschaft wird die Liebe niemals erklären können, jedenfalls nie ihr Herkommen, ihre Ankunft und ihr Gehen. Die Liebe wird stets und ungeteilt durch alle Finger gleiten, und doch kann jedes Kind sie leben und vollkommen von ihr erfüllt sein. Sicher stimmt, was Adorno vom Glück sagte, auch sie: Man kann sie nicht besitzen, man kann aber irgendwie in ihr sein.

Aber teilen wir sie doch einfach kurz ein, wie die Alten es getan haben. Da gibt es erst einmal den Amor. Diese zur Leidenschaft tendierende Liebe, die begehrt und keine Ruhe findet, wo sie sich nicht vereinen kann. Dann gibt es diejenige Liebe, die sorgsam schaut und das für sich Schönere wählt, dilectio genannt. Wie wenn ein Freund seinen Freund allen anderen vorzieht. Hier liebt das Auge der Liebe das ganz Besondere. Eine dritte Art wäre die griechische Agape, die ihre Lust darin findet, von sich zu geben und Gutes zu tun. Die caritas endlich ist die Königin. Sie ist die Liebe, in der uns Gott lieb hat und wir ihn. Die caritas ist die ewige Quelle und Klammer von allem. Sie ist nun natürlich jene Liebe, über die uns erst die christliche Aufklärung informiert. Sie wissen, ich bin nicht sonderlich fromm, aber gläubig. Das heißt zunächst einfach, es gibt eine Adresse, bei der ich mich auch für die Liebe insgesamt bedanken kann. Hätte ich das nicht, wäre mein Leben wirklich ein gutes Stück ärmer. Wenn die Liebe lebt, wie ich behaupte, dann wird sie doch aus einer lebendigen Quelle sein. An die Supervenienz, also dass Leben aus totem Zeug gebastelt ist, daran kann und vor allem möchte ich nicht glauben. Dazu sehe ich auch keine zureichenden Gründe.

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