Die Kirche und der Schützenverein

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Briefe an mein Firmpatenkind, Nr. 2

Als ich gerade mal ein paar Jahre älter war als Du jetzt bist, da besuchte mich ein Freund aus Düsseldorf. Er war mit seinem ersten Motorrad angereist und schlief ein paar Tage bei uns. Als es Samstag abend war, sagte ich, er solle sich nicht wundern, wenn er am anderen Morgen gegen neun Uhr für eine Stunde allein im Haus sein würde. Wir gingen nämlich alle zur Kirche. Mein Freund hatte keinen Glauben. Er war nicht getauft, und die Religion war auch sonst eigentlich nie ein Thema in seiner Familie gewesen. Zu meiner Überraschung sagte er etwas wie: „Nein, schon gut, ich komme einfach mal mit.“ So gingen wir zusammen zur Kirche, ich wie immer, er zum allerersten Mal. Als wir nach dem Gottesdienst auf dem Platz vor der Kirche standen, war ich ganz gespannt, was er sagen würde. Er schaute mich an, deutete mit seiner Kopfbewegung ein bedauerndes Nein an und meinte: „Das war es jetzt irgendwie nicht.“ Ich muss zugeben, der Pfarrer, den wir damals hatten, war nicht gerade charmant. Die Predigt sagte meinem Freund nicht viel, das Sitzen, Stehen und Knien konnte er nicht verstehen und die alten Lieder waren für ihn einfach nicht so schön, wie ich sie fand, weil ich sie seit meiner Kindheit im Ohr und im Herzen hatte.

Mein Freund muss zu unserer Messe ungefähr ein Verhältnis gehabt haben, wie ich heute zum Schützenverein meiner Stadt hier habe. Ich bin hier zugezogen. Die Uniformen und Riten zum Schützenfest bleiben mir immer irgendwie fremd, und meine besten Freunde hier lieben das alles seit ihren Kindertagen. Die Tradition hier gehört gepflegt, und es ist schön zu sehen, wie begeistert die Kinder schon die kleinen, bunten Uniformen tragen, nur drauf wartend, später als Große mit marschieren zu können.

Ich konnte meinem Freund von damals also die katholische Messe nicht nahelegen und hätte es mir denken können. Na ja, unserer Freundschaft hat es nicht geschadet, ich hatte damals allerdings auch nicht das große Argument auf der Zunge, das ich heute vorbringen würde und über das wir gemeinsam hätten nachdenken können; für den Fall, er hätte mehr wissen wollen. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Spiel mit den Farben und Gewändern bei den Schützen und in der Kirche: Bei den Schützen geschieht nichts Unsichtbares, wenn sie ihre Riten vollziehen. Bei den Schützen werden die Riten, also die festen Abläufe ihrer Feste, eingehalten, weil es immer schon so war und weil man das im nächsten Jahr wieder so machen will. Es gibt, wie gesagt, nichts Unsichtbares, nichts Geheimnisvolles. Wenn die Schützen auf den Vogel schießen, dann schießen sie auf den Vogel, das war’s schon und das reicht auch. Wenn der Pfarrer dagegen in der Kirche ein Kind tauft, dann tauft er es, streng genommen, gar nicht selbst. Das eigentliche Taufen macht Gott! In der Taufe werden aus Adams Söhnen und Evas Töchtern für immer besondere Kinder Gottes gemacht. Wie sollten die Menschen das können?

Das, was der Pfarrer da tut, erklärt mit sichtbaren Zeichen und hörbaren Worten, was unsichtbar geschieht. Die Riten der Kirche sind sichtbare Zeichen für ein unsichtbares Geschehen, und wenn das Unsichtbare nicht wäre, dann hätte das zur Kirche Laufen überhaupt keinen wirklichen Sinn. Glaub mir, wegen der Predigt und der Lieder allein würde ich nicht aufstehen, aber wegen den Dingen, die unsichtbar geschehen, würde es sich lohnen, zu Fuß um die halbe Welt zu rennen. Und Du kannst sicher sein: In Kirchen, wo die Pfarrer das Zeug haben, diesen geheimnisvollen Zusammenhang mit ihren Worten mit ihren Gesten und mit ihrem Charme die Leute spüren oder gar wissen zu lassen, da sind die Kirchen voll. Wo immer das Geheimnisvolle nicht irgendwie vermittelt wird, da laufen die Leute davon und haben wirklich Besseres zu tun.

Wenn wir uns hier Gedanken zur Firmung machen wollen, dann sollten wir versuchen, was ich bei meinem Freund aus Düsseldorf damals nicht konnte: Wir müssen mal über die unsichtbaren Zusammenhänge und ihre sichtbaren Zeichen reden und sehen, was es da zu sagen gibt. Wenn Du nichts dagegen hast, beginne ich mit dem eigentlichen Ritus der Firmung, also mit dem, was der Bischof gesagt und getan hat.

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