Dummheit ist strafbar

Bildschirmfoto 2016-05-23 um 13.30.11

Briefe an meinen Doktor

Vielleicht sollte ich noch einen klärenden Gedanken zum Phänomen der Dummheit beisteuern, um mich zu erklären. Es gibt da nämlich ein Missverständnis, was den alten und den heute üblichen Sprachgebrauch angeht. Wenn wir landläufig von jemandem sagen, er sei dumm, dann meinen wir in aller Regel, dass jemand nicht gut denken kann. Als Dumm gilt, wem es an Gehirnschmalz fehlt. Dummköpfe kommen trotz aller Mühe in der Schule nicht mit, und das Lesen macht nicht viel Sinn, weil die Dummheit ohnehin alles vergisst. Es fehlen die Haltemechanismen, die das Gelernte speichert und zur späteren Anschauung bewahrt.
Mein heiliger Namenspatron, der Pfarrer von Ars, galt als Dummkopf, weil er nicht im Stande war, das notwendige Latein seiner Ausbildung zum Priester zu lernen. Er behielt einfach nicht, was er las und der schon viel zu alte, arme Kerl wurde von seinen  jungen Mitstudierenden dauernd links und rechts überholt. Dass man ihn am Ende doch weihte, verdankte sich einem Akt der Barmherzigkeit seitens des zuständigen Bischofs.

Als dumm gilt also, wer nicht lernen kann. Aber eigentlich, oder besser gesagt, ursprünglicher ist mit der Dummheit etwas ganz anderes gemeint, nämlich nicht, dass jemand etwas nicht kann, sondern, dass jemand etwas nicht will. Bei uns kann der Dumme nichts für seine Dummheit, bei den Alten hat er sie verschuldet. Bei uns heißt dumm, jemand kann seine fünf Sinne nicht richtig gebrauchen. Bei den Alten hieß es, dass jemand seine Sinne vorsätzlich hat stumpf werden lassen. In Kauf genommener Stumpfsinn ist das andere Wort für Dummheit, nicht Unvermögen. Weil das in Kauf Nehmen seine schwere Bedeutung hat, deshalb steht der Dumme im klassischen Sinn unter Anklage.

Lassen Sie mich einen grundlegenden Gedanken einschieben. Menschen sind Personen, Tiere, Pflanzen und Steine nicht. In Abwandlung eines Gedankens von Chesterton kann man sagen, Berggorillas sind sehr gescheite Tiere. Sie leben in sozialen Gruppen, sie wissen sich zu benehmen und trauern umeinander. Man hat aber noch nie gesehen, dass irgendwo Statuen von besonders tapferen Affen in den Wäldern stehen. Gorillas kennen weder Kriegerdenkmäler, noch Benefizkonzerte oder Nobelpreise. Mit anderen Worten, sie haben kein Gedenken, und das müssten sie vorweisen, um als Personen durch zu gehen. Bislang sind nur Menschen und Engel Personen.

Personsein heißt allerdings nicht nur etwas können, sondern mit dem Können sogleich auch etwas sollen. Sollen können heißt bei gewissen Dingen müssen, daran geht kein Weg vorbei. Wer Wahrheit erkennen kann, der hat ihr gefälligst die Ehre zu geben. Es gibt keine Kultur auf Erden, in der ein Lügner als Edelmann auftreten darf. Verrat ist im ganzen Universum eine Schurkerei und als edel gilt überall, wer das Wenige, was er hat, noch teilt. Was für die Wahrheit gilt, das gilt auch für die Realität als solche. Wer sie erkennen kann, der hat ihr auch zu Diensten zu sein. Kleine Kinder, die noch nicht zwei und zwei zusammenbringen, beschweren sich schon mit dem ganzen Gewicht der Menschenrechte, wenn ihnen ein Unrecht geschieht. Sie erkennen, wenn jemand nicht sehen kann oder will, was ihnen zusteht. Das zeigt, dass sie noch nicht dumm sind. Dumm ist nun nicht, wer den Blick von Kindern nicht lesen kann. Dumm ist, wer am Erkannten vorbei stiefelt, weil er geil auf etwas anderes ist. Es ist diese gewisse Gier oder sonst ein Wollen, das uns dumm werden lässt.

Nun zum Gegenstand meines oben erwähnten Grimms. Der Antisemitismus meines schiitischen, jungen Freundes hier macht mich rasend (obgleich ich in seiner Gegenwart nie rase). Mein Freund ist jung, intelligent, liebenswürdig und wert, dass man sich um ihn kümmert. Er ist ohne Fehl und Tadel. aber ein ausgemachter Antisemit und diese Seite an ihm ist dumm in des Wortes reinster Bedeutung. Er könnte sehen und müsste wissen, dass es jede Menge schlechte Leute, aber kein schlechtes Volk auf Erden geben kann.

Gute Menschen gewisser Sortierung könnten hier Gründe zur Verteidigung anführen. Seine Freunde gleichen Glaubens, die Familie, sein binnenkulturelles Umfeld, alle denken wie er und unsererseits gibt es keine vernünftigen, kulturellen Anstrengungen der Aufklärung. Deutschland schweigt dazu. Seine Leute stammen aus vom Krieg gebeutelten Gebieten. Verzeihen Sie, aber ich lasse das alles nicht gelten. Die Dummheit ist auch für Soldaten verboten, und wenn wir es zulassen, dumm zu werden, dann stehen wir auf der Anklagebank, von der uns niemand herunter redet. Übrigens: Gegen die Dummheit wächst kein Kraut und kein noch so weises Reden dreht sie um. Das einzige, was helfen kann, ist hier und da ein Schlag auf den Schädel. Einzig die Gnade dagegen, die hilft immer, und die gilt es herabzuflehen. Das tu ich wohl, meinem Zorn in dieser Sache, dem ist trotzdem schwer beizukommen.

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5 Kommentare zu “Dummheit ist strafbar

  1. Lieber Thomasleser,

    wie schnell sind wir mit „heiligem Zorn“ unterwegs. Ich vermute eher nicht, dass Ihr schiitischer Freund „dumm“ in dem von Ihnen beschriebenen Sinn ist.
    Es würde sehr weit führen, das genau zu erläutern aber einen Hinweis möchte ich geben.

    In unserer aktuellen Kultur des Individualismus haben wir es schwer in Kategorien wie Kirche, Volk, Stamm ja selbst Familie zu denken.
    Mir scheint aber, dass Gott schon auch Kollektive kennt und gemeinsam verantwortlich macht.

    Daraus folgt dann, dass nicht der Einzelne „Dumm“ ist sondern das Kollektiv. Die weise damit umzugehen ist dann einen andere. Zuerst einmal gehört einem Menschen Respekt gezollt, wenn er (auch) in der Verantwortung für sein Volk denkt (selbst wenn das Volk falsch denkt).
    Denn nur daraus kann dann stellvertretend Buße erfolgen.
    Dafür hängt die Latte dann aber auch deutlich höher.
    Wer bin dann ich, dass ich solches von einem einzelnen Erwarte.

    Ihr Leser
    Andreas Braun

  2. So unterschiedlich ist die Verwendung des Wortes „dumm“ gar nicht. Auch heute unterstellen wir doch, wenn wir „dumm“ sagen, daß der Mensch sich einfach nicht genug angestrengt etc. hat, ansonsten heißt es doch „lernbehindert“…

  3. @Andreas Braun: Ich kann leider nicht zustimmen. Dass oder wie weit es Kollektive gibt, könnten wir besprechen, aber der Ansicht, dass der Schöpfer Kollektive verantwortlich macht, würde ich widersprechen wollen. Ich halte den Schöpfer für einen unbedingten Individualisten, dem das Kleinste nicht entgeht und der in allen Kollektiven stets alles einzelne im Auge hat, auch, was seine Beurteilung angeht. Jedes menschliche Kollektiv ist aus Individuen zusammengefügt, von denen jedes seine ganz persönlichen Entscheidungen fällt. Das Kollektiv verantwortlich machen würde bedeuten, über die einzelnen Entscheidungen hinweg zu gehen. Das hat Gott nicht nötig. Innerhalb der Kollektive gibt es durchaus persönliche Dissenzen. Auch die müssen in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit betrachtet und gewichtet werden.

    @Imrahil: D’accordo. Die Grenze ist nicht scharf zu ziehen. In vielen Fällen des gewöhnlichen Sprachgebrauchs meint dumm allerdings nichts Böses. „Dumm gelaufen“ oder „zu dumm“ heißt wohl so etwas wie leider Pech gehabt, und ein dummer Junge hat irgendwie nicht das Zeug, sich schlauer anzustellen. Wenn sich einer dumm anstellt, dann fehlt auch nur irgendwie was.

    • Lieber Thomasleser,
      die Beachtung der Bedeutung von Gruppen schließt die individuelle Beachtung nicht aus – insofern: ja. Darüber hinaus sehe ich in der Schrift wenig von Gott als „unbedingtem Individualisten“. Zwar werden Menschen (Könige, Propheten, Volksführer (Mose)) besonders herausgehoben, aber selbst diese wesentlich im Blick auf die zugehörige Gruppe.
      Und diese Gruppe scheinen mir „Nationen, Stämme, Völker und Sprachen“, also deutliche, verbindliche Strukturen zu haben.
      Ich nennen das Volk Israel und die mir oft sehr beunruhigende kollektive Betrachtung, die ich beobachte (von Gott her!).
      Oder die Kirche. Nicht mein persönlicher Glaube wird in der Messe als Grund für die Bitte um Vergebung genannt, sondern der Glaube der Kirche.
      Ich bin Deutscher. Ich bin Erbe von Sprache und Kultur, von Geschichte und gesellschaftlicher Gegenwart. Mit allem Magenkneifen das dies beinhaltet.
      Ich glaube, dass es gerade darum geht, das ich von meiner nur individualistischen Sicht frei werde und Verantwortung für Familie und Volk annehme.
      Als Logotherapeut achte ich sehr auf die Bedeutung von Person. Das spüren der je eigenen Verantwortung, das lösen vom „man“ und allen Dingen die aus dem Überich und dem Es kommen ist das wesentliche Ziel. Insofern freue ich mich über Ihre Position.
      Aber in all dem schaue ich auch auf das Phänomen dessen, was darüber geht. Und das sogar über das aktuelle Sein hinaus auf die Verantwortung die ich für meine Vorfahren habe.
      In der Messe vergegenwärtigen wir die wandelnde Bedeutung des Kreuzes Christi für alle Menschen, nicht nur die anwesenden.

      Es ist ein sehr großes Thema, das ich nicht auszuloten vermag. Ich wünsche mir nur eine Anregung zum weiteren Nachdenken und Fragen zu geben.

      Mit herzlichem Gruß

      Andreas Braun

  4. Ich würde dem Konzept mit den Kollektiven gar nicht widersprechen wollen, obwohl ich Lust hätte, mir über die ontologische Seite der Angelegenheit den einen oder anderen Gedanken zu machen. Sowas kann ich allerdings nur schreibenderweise, und dazu fehlt mir die Zeit.
    Ich habe mich lediglich an dem Gedanken der kollektiven Verantwortung bei Gott, bzw. Gott gegenüber gestoßen. Dessen Ablehung könnte ich allerdings mit weniger Aufwand verteidigen.

    Auch einen lieben Gruß und ein gute Woche noch!

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