Gottes Emotion

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Briefe an meinen Doktor

Gestatten Sie mir, Ihren Teilvorschlag erst einmal in Worte zu fassen. Ich würde ihn: „Ein Gedanke zur Liebe des Schöpfers in emotionaler Hinsicht“ nennen. Damit berühren Sie glatt eine absolute Grenze, wie ich meine, die Grenze zum Unmöglichen nämlich. Es gibt ein paar Themen im theologischen Lager, bei denen die Brüche unseres Rechnenkönnens einfach nicht aufgehen. Es bleibt immer ein Rest sozusagen und spannende Fragen offen, auf deren Auflösung im Jenseits ich wirklich gespannt bin.

Eine berühmte solche Frage ist die vom alten Gnadenstreit, den die Jesuiten mit den Dominikanern seinerzeit ausgefochten haben. Es ging letztlich um göttliche Vorsehung im Zusammenhang mit der menschlichen. Die Streithähne fochten und exkommunizierten sich gegenseitig, bis Paul V. gebeten wurde, Stellung zu nehmen. Der entschied brillant: Wer zukünftig seinen Gegner für exkommuniziert erklärt, ist exkommuniziert, und die Lösung des Problems wird später entschieden. Sie ist nie entschieden worden und wird nie entschieden werden. Beides gibt es, beides gibt es ganz und jedes lässt sich als gegensätzlich zum anderen beschreiben.

Es gibt eben Fragen, die nicht lösbar sind, und das nicht nur in der Wissenschaft vom Heiligen. Als ich einem befreundeten Astrophysiker einmal die naive Frage vorlegte, wo hinein sich das Universum denn ausdehnt, lehnte er nicht nur die Antwort, sondern auch die Frage ab, und das ganz zu Recht. Sie ist nicht lösbar und schon gar nicht für einen Physiker. Der beschäftigt sich notorisch nur mit den Gegebenheiten diesseits der Grenze. Das Drüben geht ihn nichts an. Die Antwort meines Freundes war dann auch die eines Gläubigen, nicht die des Wissenschaftlers: Wir warten, bis Gott es uns eines schönen Tages zeigt, und das wird der Tag sein, der nie in einer Nacht zu Ende geht.

Ganz ähnlich ist es mit unserer aktuellen Frage: Wie können wir die emotionale Seite in der vollkommenen Liebe Gottes denken? Unsere Antwort muss lauten: Gar nicht, und würden wir eine präsentieren, dann setzten wir uns dem Verdacht aus, die beide Seiten des Terms noch nicht hinreichend bedacht zu haben: Die göttliche Art zu sein (allein zu sagen, dass er ist, geht nur in ungenauer Sprache) muss derart sein, dass in ihm keine Bewegung behauptet werden kann. Bewegung heißt Endliches haben, beginnen und enden. Beides geht nicht; das Ewige wäre nicht ewig. Emotional sein bedeutet aber vor allem von etwas bewegt werden können.
Nun sagt Christus, wer ihn gesehen habe, der habe vor allem den Vater geschaut, und wenn Christus eines war, dann bewegt; bewegt von der Aussichtslosigkeit unseres unerlösten Schicksals, bewegt von der Tiefe unserer Verstricktheit und bewegt von der Freude zu erlösen, die übergroß genug war, das Kreuz zu ertragen. Wenn wir das bedenken und die Wurzel hinauf klettern, dann ist auch der ewige Beschluss der Menschwerdung im Ewigen von diesen Zusammenhängen motiviert, und motiviert sein heißt nunmal bewegt.

Die mittelalterlichen Meister haben, wohl auch im Hinblick auf die über die Barmherzigkeit nicht hinaus kommende, sarazenische Häresie betont, zwei Regungen müsse man in Gott behaupten: Die Liebe und die Freude. Die Behauptung ist stur und bibelfest, nicht aber des näheren belegbar. Demnach hat Gott die Welt nicht nur so sehr geliebt, dass er seinen Sohn für sie dahin gab, sondern sich auch über die Maßen gefreut, dass die Erlösung am Ende so geschehen sein würde.

Die Unerklärbarkeit unserer Sache hat allerdings noch eine zweite, zu Herzen gehende Seite, nämlich, wenn wir unser privates Schicksal mit in die Rechnung schreiben: Wie kann es sein, dass diese, ewige, göttliche Vorsehung uns so lieb hat? Ich wiederhole meine alte Behauptung: Wer beichtet, lernt sich besser kennen. Das gilt für die Sonnen- wie für die Schattenseiten und nährt meinen stillen Verdacht: Nicht zu wenige suchen wegen des Blickes auf das Dunkle lieber das weite als die schwarze Kammer in den Kirchen. In Ihrem Kontext gesprochen würden sie einer Darmspiegelung einer guten Beichte gegenüber jederzeit den Zuschlag geben. Aber davon ab: Wer immer sich traut, vor seinen Schatten nicht davon zu laufen, der hat in der nicht endenden, treuen Liebe Gottes für sein gesamtes Leben eine unlösbare Denkaufgabe, eine Nuss, die sich nicht knacken lässt. Und mir scheint, je länger es währt, desto deutlicher wird es einem.

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2 Kommentare zu “Gottes Emotion

  1. Kurz und knapp: Auf die oben gestellte Frage und auf viele ähnlich geartete Fragen gibt es tatsächlich eine Antwort, nämlich: „Wir wissen es nicht“.

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