Liebesbeweise?

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Briefe an meinen Doktor, 4

Können wir uns auf die Formel einigen, nach der man die Liebe nicht beweisen kann? Man spricht zwar von Liebesbeweisen, etwa wenn einer Blumen bringt. Es grätscht uns aber ein Problem in die Beine. Nichts, was wir tun, lässt sich nur auf eine Weise deuten.
Da kocht jemand einem Hungernden ein gutes Essen. Alle werden sagen, er tut ein Werk der Barmherzigkeit. Was ist aber, wenn der Hungernde sein Essen bekommt, damit er am nächsten Morgen bei seiner Hinrichtung nicht so blass drein schaut?
Wenn ein Mann seiner Frau einen Strauß zum Beweis seiner Liebe ins Haus trägt, was wird er sagen sagen, wenn sie sich ihm entgegen hält, er tue das nur, um von seiner heimlichen Geliebten abzulenken?
Das Tun ist immer das gleiche. Das Dumme ist nur, man kann ihm die eigentlichen Motive nicht ansehen. Das mit der Liebe ist und bleibt also Vertrauenssache, das macht es für die Eifersüchtigen so unmöglich, ihr geliebt sein zu genießen. Sie müssten es glauben. Und wenn der Sand des Misstrauens einmal im Getriebe steckt, dann ist er schwer wieder heraus zu bekommen. Die Liebe kann auch nie verhandelt werden.

Überhaupt. Wenn eine Liebe es nötig hat, dauernd mit Beweisen flankiert zu werden, dann scheint sie ohnehin schon immer auf dünnen Füßen zu stehen. Kauft man die Blumen, weil man etwas beweisen will, oder einfach nur, um eine Freude ins Haus zu bringen? Blumen sollten wohl nicht zu Beweisstücken herabgewürdigt werden, sondern Boten von etwas ganz anderem sein. Es wäre auch kein guter Stil, wenn die Dame, die Blumen betrachtend sagen würde, ihre Annahme, geliebt zu sein würde würde gerade wieder ein Stück wahrscheinlicher.

Christus hat gesagt, es gebe keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine Freunde gibt. Ich habe immer gemeint, dass das nicht nur fürs Sterben gilt. Man kann sein Leben auch geben, wenn man nicht dabei drauf geht. Gestatten sie mir, den etwas staubigen Begriff vom natürlichen Menschen einzuführen. Mir fällt gerade kein anderer ein, er wird auch gleich wieder verschwinden. Der natürliche Mensch entdeckt sich im Mittelpunkt seiner eigenen Welt. Wie ein Bötchen, das auf dem weiten Meer dahin segelt, wo der Horizont immer gleich weit weg ist, das Bötchen ist stets der Mittelpunkt der Welt. So, wie er auf die Welt kommt, ist der Mensch immer der Mittelpunkt seiner Empfindungen, seines Wollens und Habens. Mit dem größer werden öffnet sich die Möglichkeit einer Erkenntnis: Die anderen sind ja ebenso Wesen, die um sich selbst kreisen und leben. So werden kluge Sprüche generiert, die einem mittlerweile aus den Ohren wieder heraus kriechen, nach denen die eigene Freiheit immer am Zaun des Nachbarn seine Grenze hat. Die Liebe löst das alles auf und fordert, ganz neu über diese Dinge nachzudenken. Sie führt zur Entscheidung, die Mitte eines anderen zur eigenen zu erklären. Wenn die Liebe Liebe ist, dann lebt der Liebende nicht mehr nur für sich, sondern eher für das, was er lieb hat. Die Mitte des anderen ist die eigene geworden. Insofern kann die Liebe eine übernatürliche Sache, und ein Mensch, der seine Natur hier nicht übersteigt, bleibt ein kläglich einsames Wesen. Die gibt es.

Ein Mensch, der sein Leben gibt, braucht nichts zu beweisen. Er würde es ja auch für ein Kind tun, dem man noch gar nichts beweisen kann. Vielleicht gilt Christi Satz, nach dem wir wie die Kinder werden sollen, auch hier. Einfach jemand sein, dem man hier nichts beweisen muss. Jemand sein, der nicht auf Beweise wartet, der dennoch überzeugt ist und fest darin steht und dem anderen die Ehre darin gibt, dass er vertraut. Jemand sein, der einfach richtig interpretiert. Es kann, nach Enttäuschungen etwa, schwierig werden. Ich fürchte aber, anders ist es nicht zu kriegen: Man muss Glauben haben.

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