Barmherzigkeit ist nicht genug

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Briefe an meinen Doktor, 3

Sie haben wohl Recht, mit dem, was sie sagen: „Es gibt kaum einen Begriff, der vielschichtiger und missverständlicher ist als ‚Liebe’ (…) Gottesliebe und Gottes Liebe. Liebe als Willensakt. Leidenschaftliche Liebe. Nächstenliebe. Selbstliebe. Erotische Liebe.“
Wir können das ganze noch komplizierter erscheinen lassen. Die deutsche Sprache, die sicher mit Gründen eine Philosophensprache genannt wird, hat für unsere vielschichtige Sache, nur ein Wort: Liebe eben. Die Lateiner sagen „amor“, „dilectio“, „caritas“. Sie leihen sich das griechische „agape“, und gleich gleich haben sie einen ganzen Strauß an Begriffen in der Hand, die allesamt die Liebe meinen und ihr doch ganz verschiedene Richtungen und Farben geben können. Sie haben in Ihrer Aufzählung ja auch nie nur Liebe gesagt, sondern immer mit einem weiteren Wort eine Erläuterung anhängen müssen. Da hatten es unsere Väter und Großväter viel leichter. Es gab, wenn ich richtig liege, im Plattdeutschen nämlich überhaupt keinen Begriff für die Liebe. Das Wort „Liebe“ stand in der Bibel. Er war ein Begriff, der für die Priester reserviert war und etwas Großes bedeutete, das mit Gott zu tun hatte. Für uns vielleicht ein guter Grund, noch mal mit dem Ersten zu beginnen.

„Liebe“ ist in der Tat ein priesterliches Wort. Der Hohepriester trug es vom Himmel herab und führte es ein, um den himmlischen Vater zu beschreiben. Man müsste mal nach Asien fahren, um dort zu erfahren, in wie weit die dortigen, vom Christlichen nicht mit gefärbten Philosophien das Wort von der Liebe zum Thema haben.
Aber vielleicht erwähnen wir in diesem Zusammenhang einmal eine unterschlagene Tatsache. Es war Christus, höchst persönlich und allein, der so vom Vater sprechen konnte. Er wusste, dass ihm auf die Dauer der Tod sicher war, als er im Namen des Erhabenen den Leuten sagte, ihre Sünden seien ihnen vergeben. Das kann keiner tun und auch nicht sagen, außer Gott, und nur er allein hat diese Macht. Wenn der Priester uns im Beichtstuhl diese Worte wiederholt, dann kann auch er das nur tun, indem er Worte spricht, die nicht seine sind, und nur, wenn er eine exklusive Weisung dazu hat. Jeden anderen, der in des Herren Namen solche Sachen sagt, sollte man sofort des Hauses verweisen oder ihm zumindest den nächsten Vogel zeigen.
Als Christus sagte, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben; als er sagte, er sei der Weinstock, seine Jünger die Reben, da war er entweder Gott oder wahnsinnig. Allein, dass die Getreuen nicht gleich davon liefen, bezeugte ihre Vorentscheidung für das erste: Dieser war Gottes Sohn!

In genau dieser Autorität nun verkündete Christus das größte Glaubensgeheimnis, das zudem am schwersten zu kapieren ist: „Gott hat die Menschen wirklich lieb.“ Gehen Sie mal hinaus in die Welt und verkünden Sie das den Leuten der anderen Religionen. Die Reaktionen werden sehr verschieden sein. Das ist es aber, das wir von der Kanzel erfahren. Das ist es, das auch die Priester der alten Zeiten zu verkünden hatten. Die Liebe Gottes zu uns ist diejenige Sache, über die wir unser Leben lang nachzudenken haben und in allen möglichen Verfassungen unseres Gemütes nachdenken sollten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es desto schwieriger wird, je philosophisch tiefer von der Gottheit gesprochen wird.

Und reden wir uns nicht mit der viel gepriesenen Barmherzigkeit heraus. Barmherzigkeit reicht nicht, nicht jedenfalls da, wo die Liebe ins Boot steigt. Das Verhältnis Gottes zu seinem Volk wird in Israel von je her als ein Bund beschrieben, und zwar als ein Bund, der nicht einfach nur den Charakter und die Farbe eines Vertrages hätte. Dieser Bund wird schon immer beschrieben wie eine Ehe, wie das Verhältnis eines treuen Ehemannes zu seiner viel weniger treuen Braut. Die Kirche Jesu setzt das fort: Der Herr ist der Bräutigam und die Kirche seine Vielgeliebte. Und wann hat je ein Bräutigam seine Braut aus Barmherzigkeit heim geführt? Nein, bei uns muss es schon die Liebe sein, und  die im vollen Umfang beim Wort genommen. Das haben wir wohl im Sinn des heiligen Bernhard wiederzukäuen, wie das Vieh im Stall, von dem er in seiner Predigt sprach. Wie schwer das sein kann, das wusste schon der Apostel: Es muss heilige Geist vom Himmel sein, der unserem Geiste leise nahe legt, dass wir doch Kinder Gottes sind. Bedenken wir das also.

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