Die Liebe und ihr Leiden

Bildschirmfoto 2016-05-23 um 13.30.11

Brief an einen Doktor, 2

Sehr geehrter Herr,

„etwas zu viel Gott für meinen Geschmack“, lautete gestern der Einwand eines Lesers, der nach kurzem Gespräch um den Text gebeten hatte, den ich Ihnen zugesandt habe. Ich fürchte, ich kann der Neigung, „lieber etwas weniger Gott im Ganzen“ nicht sonderlich weit entgegen kommen. Wer ein Haus betritt, über dessen Tür das Wort „Borussia“ zu lesen steht, der wird damit zu rechnen haben, dass sich darinnen so ziemlich alles um Fußball, und zwar um den einer ganz bestimmten Mannschaft dreht.

Über meinem Tun hier steht das Wort „Thomismus“. Wer sich kurz kundig macht, kann wissen, dass sich da im weiten Sinn so ziemlich alles um das Thema „Gott und die Welt“ dreht, und das auf eine bestimmte Weise.
Wir haben uns dann noch kurz unterhalten können. Es stellte sich heraus, mein Leser hatte die Gottesfrage irgendwann mehr oder weniger als „Agnostiker mit Tendenz zum Atheismus“ beantwortet. Und das – so schien mir dabei – in der die Zukunft prägenden Stimmung, wenn möglich nicht weiter behelligt werden zu wollen. Über unser Thema, die Liebe, haben wir uns dann allerdings doch noch angenehm und angeregt unterhalten. Da musste der Schöpfer dann auch nicht weiter vorkommen. Der Gottesgedanke hat im Erwägen der Liebe christlicherseits oft eher nur den Charakter einer wohl stets, aber mehr oder weniger unbewusst wahrgenommenen Grundierung, zu einer Art Grundstimmung der Dankbarkeit führt sozusagen.
Als unser Vater meinem Bruder in desse Kindheit einmal eine Angel geschenkt hat, da ging es mit seinen Freunden am See fürderhin ums Angeln, nicht um den Vater. So kann es durchaus auch mit der Liebe zugehen. Es dreht sich um sie, und nicht um ihren Geber. Es gibt da allerdings einen Unterschied. Für ein Geschenk kann man sich bedanken. Im Glauben aber, die Liebe sei mit der Welt aus dem Würfelbecher der Evolution gekugelt, hat man keine Adresse.

Aus unserem Dialog wurde ein Gespräch zu dritt, als eine Dame hinzu kam, die an einer Sache interessiert war, die man vielleicht die dunkle Seite der Liebe nennen kann. Ihr war es plötzlich um den Verlust und die darauf folgende Trauer zu tun. Vielleicht können wir uns auf eine kurze Formel einigen, nach der auch die Trauer eine Form der Liebe ist. Man kann wohl nicht traurig sein, wenn man das Verlorene nicht lieb hatte, oder besser gesagt, immer noch lieb hat.
Jetzt ging das Gespräch also um die Frage, ob man den Schmerz der Trauer, wie freilich jeden Schmerz, nicht am liebsten los sein möchte, und es herrschte eine Dissonanz im Gespräch. Ich schlug eine Art Deal vor, um einer Lösung entgegen zu kommen. Der lautete etwa so: Wer würde auf einen Vorschlag eingehen, der die Möglichkeit enthielte, den Schmerz um den Preis des Verlustes der Liebe loszuwerden? Mit anderen Worten: „Der Schmerz hört sofort und für immer auf, für den Preis, dass du den verlorenen Menschen nicht mehr lieb hast. Siehst du zukünftig sein Bild irgendwo, dann wird es wie das Erblicken eines ganz Fremden sein. Bist du dazu bereit?“ Der Vorschlag hätte von Mephisto kommen können, und beide verneinten mit einigem Nachdruck. Sie gaben eindeutig der Liebe den Zuschlag, auch wenn diese leiden müsse. Das geschah, wie Sie wissen, allerdings in der Neutralität der momentanen Freiheit vom lediglich gedachten Schmerz. Einen solchen kann man nur vorher und nachher wollen. Stellt er sich ein, dann werden die Karten von harter Hand noch einmal neu gemischt, und dieser Ernstfall lässt sich nicht proben.

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