Der Grund des Liebens

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Brief an einen Doktor 1

Der Liebe ist einfach nicht auf den Grund zu kommen. Man kann auch sagen, sie ist unergründlich. Kierkegaard hat sie, wenn ich mich recht erinnere, mit einem Gewässer verglichen, in dessen Tiefen ein Taucher nie die Quelle erreichen kann, weil sie sich mit jedem Meter vermeintlicher Näherung stets weiter von ihm entfernt. Wie wenn ein Grund vor dem Forschenden davon läuft.

Das ist auch meine erste These: Die Liebe verliert sich ins Unendliche, und doch: Sie verliert sich und vor allem uns nie. Sie umgibt uns vielmehr und birgt uns in sich. Sie trägt unser Dasein, sie lässt es uns spüren und so gibt es kein einziges Geschöpf im weiten All, das ihr nicht bis zur totalen Erschöpfung nachliefe.

Ein allzu schneller Blick könnte meinen, was man hat, das braucht man nicht suchen. Dem ist aber nicht so, nicht in diesem Fall. Wir suchen mit Lust und unter Tränen, was wir haben und wollen irgendwie immer mehr davon. Nicht wie ein Forschender, der am Schreibtisch über seinen Formeln nachsinnt. Vielmehr wie ein Hungernder, der das Gefühl einer Sättigung sucht, ohne je ganz satt werden zu wollen.

Sie haben die Gottheit angesprochen. Sie ist der Grund, der die Grundlosigkeit der Liebe ausmacht, denn nur eine Gottheit kann überhaupt und ohne jede Ermüdung wirklich unendlich sein. Wir sollten an dieser Stelle ein wenig aufpassen. Ist von Unendlichkeiten die Rede, dann schleicht sich ein Gefühl von wachsender Oberflächlichkeit ein. Ein Hirte mit nur zwei Schafen kann beiden seine ganze Aufmerksamkeit schenken. Ein Hirte mit hundert muss seine Kräfte so lange teilen, bis auf jedes seiner Tiere kaum etwas abfällt. Das kann und muss bei der Gottheit anders sein. Ihre Unendlichkeit bedeutet kein Ende in der Betrachtung und Behandlung des einzelnen. Für eine unendliche Mächtigkeit ist es nicht schwerer, mit einem Mal ein ganzes Universum zu schaffen und zu tragen, wie ein einziges, einsames Körnchen. Eine unendliche Macht kennt keine Mühe. Schwitzen tun wir, weil wir an unsere Grenzen kommen. Wer keine Grenzen hat, schwitzt nie. Wir können es auf eine kurze Formel bringen. Die Gottheit kann jeden Herzschlag einzeln genehmigen, und weil sie liebevoll ist, tut sie das auch in einer Haltung, die Zuneigung heißt. Die Liebe ist den Dingen zugeneigt, und sobald wir sie in ihrer Unendlichkeit denken, können wir sagen, sie sagt zu allen Dingen du, und sie sagt, zu allem, was ist, dass es sein soll.

Wenn ein Kind geboren wird; sprechen die entzückten Eltern da nicht in jeder Geste und mit jedem Wort ein „wie schön, dass du da bist“? Bezeugt nicht jedes gute Werk, das sie ihren Kindern angedeihen lassen, diese Freude, allein, dass sie auf der Welt sind? Ist es umgekehrt nicht genau so? Spricht nicht aus dem Lächeln des Kindes, das noch um nichts mit Bewusstsein weiß, ebenso das „wie schön, dass ihr da seid, und wie schön, dass gerade ihr es seid“? Es ist genau das gleiche Wort, das der Schöpfer immerzu zu allem sagt. Die Gottheit, die unmerklich zwar, aber mit ungeteilter Aufmerksamkeit ein jedes Ding im All über dem Nichts im Dasein hält, spricht die Worte leise mit. Aber leise heißt nicht ohne Macht.

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