Das dauernde betroffen sein

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Islam und Christentum 51

Jetzt ist die Liebe an der Reihe. Und bevor ich mit ihr loslege, würde ich gern eine kleine Meditation über eine Sache einschieben, über die hin und wieder nachzudenken ich lohnenswert finde. Es ist die Sache mit dem herausgefordert werden des Menschen. Wir können mit einer Formel beginnen:

Wer von etwas getroffen wird,
der muss irgendwie reagieren.

Du kennst das Spiel  noch aus unserer Zeit in der Schule. Dauernd kamen die Kinder (und auch die schon etwas älteren) zu mir mit der Beschwerde, irgendwie von ihren Mitschülern beleidigt worden zu sein. Es ging dann immer um die Frage, wie man angemessen reagiert. Wer beleidigt wird, hat das Recht, die Pflicht oder ganz allgemein gesagt, die Möglichkeit, zu reagieren. Gar nicht reagieren geht gar nicht. Eine Beleidigung, die uns nicht trifft, ist keine. Ein getroffenes Tier aber reagiert immer, und wenn es im Lauf auch nur kurz zuckt. Eine Beleidigung ist also immer eine Herausforderung, und damit spielt derjenige, der uns beleidigt. Er weiß, dass er uns treffen kann und erwartet, dass wir mit unserer Reaktion einen Fehler machen.

Man kann das menschliche Leben jetzt auch einmal betrachten, wie eine Sache, die uns dauernd mit etwas herausfordert. Wenn plötzlich ein Kind entsteht, dann ist das für das Leben auf jeden Fall eine Herausforderung. Die Eltern müssen darauf reagieren, und was wir die Ethik nennen, stellt uns immer ganze Kataloge auf, wie man mehr oder weniger falsch reagieren kann.

Nicht umsonst haben die alten Geschichten die Liebe schon mal als einen kleinen, dicken Engel dargestellt, der mit einem kleinen Bogen spitze Pfeile auf die Menschen abschießt. Das Verliebtsein trifft uns wie ein Pfeil. Wir haben vielleicht lange Zeit in ziemlicher Ruhe vor uns hin gelebt; plötzlich tritt da ein Mensch in unser Leben, der alles in Wallung bringt und uns nicht in Ruhe lässt. Man ist plötzlich ganz außer sich, heißt es im Volksmund und bei den Philosophen. Es ist aber wie mit dem Tier auf der Wiese. Wenn es getroffen wird, dann kann es gar nicht anders, als reagieren.

Um den Gedanken etwas vollständiger zu machen: Es gibt auch Dinge, die uns  ganz grundsätzlich und immer herausfordern. Für sie braucht es keine Pfeile und keine Ereignisse oder Begegnungen, die auf uns abgeschossen werden. Das Gute, das Böse und die Wahrheit sind Dinge, von denen wir immer herausgefordert werden und von denen jeder ganz allgemein und automatisch sagt, dass es ein richtig und falsch gibt. Solche Dinge sind etwa das Gute, das Böse und die Wahrheit. Wir brauchen hier jetzt gar nicht über diese Dinge zu philosophieren. Es reicht, wenn wir sagen, jeder normale Mensch weiß, das Gute ist zu tun, das Böse zu lassen, und der Wahrheit ist immer die Ehre zu geben. Diese drei Dinge sind immer irgendwie in allem, was uns anspricht und trifft. Wir sehen jemanden einen Raubmord begehen, und alle sagen, das ist böse und verboten.

Jeder Dieb beschwert sich,
wenn er beklaut wird.

Dass der heilige Martin dem armen Bettler die Hälfte seines Mantels gab, weil diesem so kalt war, wird von allen als große und gute Tat gepriesen. Viele würden das nicht machen und lieber schweigend weiter ziehen, bevor sie ihren Luxus teilen. Aber keiner sagt, das sei besser. Der Satz „du sollst nicht lügen“ hätte bei den Zehn Geboten fast gar nicht dabei sein müssen, weil es sich eigentlich von selbst versteht. Jeder Mensch  weiß eigentlich, es gehört sich nicht, die Wahrheit zu verbiegen.
Der Philosoph Nietzsche hat schon mal gewagt, diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Als ich Gedanken wie „warum soll ich keine Frau vergewaltigen?“ zu lesen hatte, war ich in meiner Unschuld tief getroffen und entsetzt. Allein die Frage zu stellen, um ernsthaft über sie nachzudenken, kam mir wie ein Verrat am Gefüge des ganzen Universums vor. Aber Philosophen dürfen und müssen das: Sich in verbotene Zimmer wagen und Pfade beschreiten, die nicht ausgetreten werden dürfen. Es liegt dann in ihrer Verantwortung, gute oder schlechte Antworten zu geben.

Wie immer auch, wenn wir von der Liebe sprechen, dann meinen wir im alltäglichen Denken so etwas, wie ein positives getroffen werden. Die Summe fängt auch mit diesem Gedanken an: „Die Liebe ist eine passio, eine Leidenschaft“, also etwas, was uns trifft. Dann aber kommt der eigentliche Gedanke: Gott aber kann in seiner Gottheit von nichts getroffen und erschüttert werden. Also können wir nicht sagen, in Gott sei Liebe. Thomas widerspricht dem natürlich nicht. Die Liebe ist eine Leidenschaft. Es gibt aber nicht nur leidenschaftliche Liebe. Der Meister setzt tiefer an: Bei allem, was man will, ist immer irgendeine Liebe der eigentliche Motor. Darüber sollten wir noch mal ein Wort verlieren.

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