Der Wille und die große Seligkeit

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Islam und Christentum, 50

Zur Methode der Scholastik gehört das Diskutieren, der Dialog, würde man heute sagen. Zwei Schülern wird ein Thema gegeben, eine Frage vorgelegt. Beide sollen sich eine Lösung ausdenken und die mit Worten möglichst gut vertreten. Dabei sollen sie sich auf die Gedanken stützen, die große Denker vor ihnen bereits genannt haben. Einer fängt an und legt seine Meinung dar. Der andere merkt sich alles so gut er kann und stellt Fragen, nicht um das Gesagte zu widerlegen, sondern um sicher zu gehen, dass er ihn richtig verstanden hat.
Dann ist sein Gegner an der Reihe. Er legt seine gegenteilige Meinung dar, und auch er möglichst gut und möglichst gebildet. Dann tauschen die beiden Kontrahenten die Position. Jeder muss jetzt, so gut er kann, diejenige Meinung vertreten und sichern, die vorher seine gegnerische war. Beide Meinungen stehen nun da, und der Lehrer gibt am nächsten Tag die Lösung in einer kurzen Ansprache bekannt. Am Schluss werden die einzelnen Argumente, jedes für sich, kurz widerlegt, und die Frage ist so gut es geht geklärt. 
So etwa sah zur Zeit der Hochscholastik ein Dialog an der Universität damals aus, und zu besonderen Anlässen und Festen wurden besondere Fragen ausgewählt. 
Du siehst schon, es wurde gründlich gearbeitet und vor allem wurde das Denken und Argumentieren geübt und geschult. Am Ende sollten gelehrte Leute die Universität verlassen, die in ihrem Fach möglichst gut gebildet waren. Mit diesem Rüstzeug sollten sie sich dann den Gegnern anderer Glaubensrichtungen und Meinungen stellen. Man war der Überzeugung, die besten Antworten zu den wichtigen Fragen kämen so am besten ans Licht. Heute würde man sagen, jeder kann sich am Ende möglichst gut für seine Positionen entscheiden.
Zur Zeit der Scholastik waren es allerdings nicht nur die Christen, die auf diese Weise diskutierten. Bei den Juden und Muslimen gab es ebenso gelehrte Leute, die sich die tiefen Fragen der Religion und Weltanschauungen vorlegten. Große Themen taten sich in der Frage auf, wer den alten Meister Aristoteles am besten und richtig zu erklären und kommentieren verstand. Hier hat auch unser Meister Thomas sich besonders hervorgetan und die Werkzeuge der Philosophie für seine christliche Welterklärung zu benutzen.
Aber bleiben wir bei unserem Beispiel. Ich habe Mohammed gefragt, ob er glaube, dass Gott etwas wolle. Wenn vom Willen und Wollen die Rede ist, dann geht das auf zweierlei Weisen. Man kann vom Willen selbst reden und von den Dingen, die gewollt werden. Ein Beispiel. Der Friede ist etwas, was alle wollen. Man sagt, der Friede gehört zum Willen. Ein anderes Beispiel ist das Essen. Alle wollen satt werden, so gehört das Essen und Trinken in den Bereich des Willens. Das sind Sachen, die gewollt werden, also die Gegenstände des Willens. 
Man kann nun auch zu der anderen Seite der Frage kommen und sagen, dadurch, dass jemand Himbeereis mit Sahne will können wir sagen, er gehört zu denjenigen Wesen auf der Welt, die überhaupt einen Willen haben. Ob er dies oder das will, er kann wollen.
Der eine will in ein Dorf gehen, der andere in eine Stadt. Das heißt, beide können Laufen. Sie haben die nötigen Apparate, die menschliche Wesen laufen machen.

Ähnlich habe ich bei Mohammed angesetzt. Ich sagte, Gott ist barmherzig. Das bedeutet, er will unser Bestes. Dadurch, dass er unser Bestes will, zeigt er, dass er grundsätzlich etwas wollen kann. Er ist also nicht wie ein Stein etwa, dem die Werkzeuge dazu fehlen. Hier steigen wir mit Thomas ein. Er sagt, in Gott ist Wollen, also ist in ihm auch so etwas wie Vernunft, denn dem Willen muss eine Art vernünftiges Erkennen vorausgehen. Wir können nichts wollen, wenn wir zuvor nicht etwas für würdig erachtet und erkannt haben. Das Erkennen erledigen ist eine Aufgabe der Vernunft. Also ist der etwas wollende Gott ein erkennender Gott.

Wollen heißt immer Gutes wollen. Wir können nichts wollen, wenn wir in dem Gewollten nicht irgendwie etwas Gutes entdeckt haben. Thomas sagt, der Gegenstand des Willens ist immer das Gute, und ob einer gute Bücher will oder gute Autos will, er will hinter allem immer das Gute als solches. Gott ist die Quelle und Fülle des Guten. Also ist Gott das, was am meisten gewollt werden kann und wird. Wenn man das alles beim Wort nimmt, dann will Gott zunächst und am meisten sich selbst, und alles Gute, wird eigentlich um seinetwillen gewollt, ob man darum weiß oder nicht. So kommen wir zu dem fast absurd klingenden Schluss. Jeder Wille will hinter allem, was er will, bei Gott sein, und Gott selber will auch am tiefsten und meisten sich selbst. Darin aufgehen, das nennen wir die große Seligkeit.

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