Gott ist nicht unberechenbar!

Bildschirmfoto 2016-02-25 um 14.14.02

Islam und Christentum, 48

Mein Namenspatron, ein heiliger Pfarrer aus Frankreich, hat meinen Hauptgedanken zum Bilderverbot einmal in liebe Worte gefasst. Er sagte zu einem seiner Kinder im Beichtstuhl: „Mach dir keine Sorge, alles, was von Gott kommt, kann nicht unheimlich sein.“ Damit ist alles gesagt, und der heilige Pfarrer von Ars, so hieß das kleine Dort, in dem er wirkte, hatte ohnehin die Gabe, mit wenigen, schlichten Sätzen immer irgendwie alles zu sagen. „Gott ist weder unheimlich, noch hat er etwas Unheimliches an sich.“ Der Gedanke tut mir gut, wie mein Sofa am Abend nach einem langen Arbeitstag.

Aber vielleicht sollte ich Dir kurz erklären, was Unheimlich sein mit dem Bilderverbot zu tun hat. Der Gedanke geht so: Alles, was gewaltig ist und man sich nicht erklären kann, das hat das Zeug, unheimlich zu werden, weil es irgendwie unberechenbar bleibt. Bei kleinen Sachen ist das kein Problem. Kleine Sachen haben wir im Griff, weil sie klein sind, und was wir im Griff haben, ist keine sonderliche Bedrohung. Der kleine Bruder meines Nachbarn war nie eine Bedrohung, aber der große, der hinter ihm stand und kräftig dreinhauen konnte, wenn er wollte, der schon. Man machte ihn sich besser nicht zum Feind und beruhigt war man erst, wenn man seiner Freundschaft sicher sein konnte.
Wenn ich richtig sehe, sorgen drei Dinge dafür, dass uns unheimlich wird: Größe, gepaart mit Unberechenbarkeit und die Dunkelheit, wenn die Ecken nicht ausgeleuchtet sind.

Ein Beispiel. Als Isaac Newton die Physik modernisierte, tat er einen wichtigen, ersten Schritt dafür, dass die Welt viel weniger unheimlich war. Er stellte nämlich fest, dass die gleichen Kräfteverhältnisse im gesamten Weltall herrschen, die wir im Zuhause unserer kleinen Erdenwelt kennen. Die gleiche Schwerkraft, die dafür sorgt, dass die Äpfel im Herbst zu Boden fallen und nicht quer durch die Luft, sorgt dafür, dass die Erde nicht der Sonne davon fliegt und ungeschützt ins kalte Weltall fliegt. Die Schwerkraft gilt im ganzen Universum, wissen wir heute. Später stellte sich heraus, dass die Sonne und überhaupt die ganzen anderen Sterne am Himmelszelt alle aus dem gleichen Zeug sind, wie die Sachen, die wir in unserer Lebenswelt tagtäglich in den Händen halten. Thomas und seine Leute haben noch gedacht, die Sterne seien Himmelskörper von ganz anderer, uns immer fremder und unbekannter Art, und sie würden auf unerklärliche Weise in der Sphäre ihrer Bahnen gehalten. Seit den Entdeckungen der modernen Physik wurde das Weltall eher ein großes Dorf, als ein unbekanntes, finsteres Reich, von dem man nicht weiß, was droben ist. Auch wenn unbekannte, intelligente Wesen bei uns landen würden, dann müssten sie viel mit uns gemeinsam haben. Sollte ihre Reise lange gedauert haben, dann müsste man ihnen raten, sich von der Erde möglichst fern zu halten. Sie müssten nämlich friedlicher und unschuldiger sein als wir. Wer über Jahre im gleichen Raumschiff sitzt, muss ziemlich friedlich sein.
Wenn die Menschen ihrer Technik nach lange mit Raumschiffen fliegen könnten, würden sie sicher nicht weit kommen. Beim übernächsten Planeten hätten sie sich sicher schon gegenseitig umgebracht. Aber wie das immer das alles auch sein mag, die Fremden wären uns nicht all zu fremd. Sie wären, wie wir aus den selben Molekülen und Atomen gebaut, wie unsere Leiber.
Je berechenbarer das Universum wird, desto weniger Furcht jagt es uns ein, und die vernünftige Wissenschaft kann wie eine Lampe sein, die uns die dunklen Ecken der Welt ausleuchtet.

Das Evangelium des Neuen Testamentes hat für mich schon immer eine ganz ähnliche Funktion. Es leuchtet mir nämlich, wenn man so will, die Gottheit aus. Im Alten Testament hat Gott angefangen, erste Informationen von sich zu geben. Er hat gezeigt, dass er Lust hat, ein Volk sein Eigen zu nennen. Er hat sein Israel beschützt und unbeschadet durch das berühmte Rote Meer geführt. Er hat versprochen, sich zu kümmern, und langsam aber sicher immer mehr von sich preisgegeben. Zum Schluss hat er in Jesus Christus gezeigt, was und wer er wirklich ist. Nicht nur barmherzig, was wir ja zusammen bekennen, sondern auch liebevoll, väterlich, und bis zum qualvollen Erleiden eines schlimmen Todes bereit, jede Sünde zu verzeihen, wenn der Sünder auch nur ein Fünkchen Reue in sich finden lässt. Das ist in der Religion meiner Väter eine feste Gewissheit und gehört zum Kern aller Botschaften.

Ich muss an dieser Stelle allerdings etwas dazu sagen, was sehr bedeutend ist. Gar nicht lange nach dem Leben unseres hochmittelalterlichen Lehrers zogen nämlich philosophische Tendenzen in die Gotteslehre ein, die in meiner Kirche für ziemliche Verwirrung gesorgt hätten, wenn sie sich nicht auf die Lehre des heiligen Thomas festgelegt hätte. Es gab nämlich Leute, die im Ansatz sagten, Gott könne in seiner Allmacht auch trotz seiner Geschichte mit Jesus letztlich doch noch ganz anders sein. Allmacht bedeute im Grunde, auch noch mal ganz anders zu können. Es sei bei Gott am Ende des Tages nicht unmöglich, dass alles, was wir gut finden, für ihn doch ein Gräuel ist, und wovor wir uns fürchten, sei für ihn vielleicht hübsch anzusehen. Hier haut der heilige Thomas mit der schweren Faust seiner Intelligenz auf den Tisch und gebietet mit lauter Stimme Ruhe.
Ich kann Dir verraten, dass in manchen Köpfen auf evangelischer Seite und auch bei Katholiken, die ihre Lehrer nicht kennen, sich solche Gedanken nicht verbieten und immer noch ganz gut halten. Bei Thomas kann das nicht sein und er weiß seine Meinung wie kein zweiter zu vertreten. „Gott ist nicht unberechenbar!“, steht in riesigen, in Stein gehauenen Lettern über der Türe seiner Schule. Ein Grund für mich, ihn zu lieben und ein Grund, für die Kirche meiner Väter, seine Bücher auf ihren Altären liegen zu haben.

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