Keiner weiß, was Leben ist

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Islam und Christentum, 44

Es gibt Leute in der Zunft der Schreiber, die können immer schreiben, und es gibt solche, die müssen auf ihre Eingebung warten, sonst wird das nichts. Ich gehöre zur zweiten Sorte, die schlechter dran ist. Wer auf den Zug warten muss, hat es weit weniger komfortabel als wer ein Fahrzeug sein eigen nennt, in der er nur einsteigen braucht. Aber was soll’s, es nützt nicht viel, seine schlechte Laune zu pflegen. Schließlich hört es auch nicht auf zu regnen, wenn man ihn nicht mag und schimpft. Ich sollte noch ein paar Gedanken zur Erläuterung einschieben, was das Innenleben Gottes angeht, und beginnen würde ich mit dem Leben selbst.
Vor einiger Zeit habe ich mir den Vortrag eines Professors aus der Biologie angehört. Ich finde das Thema „Leben“ als solches interessant, und auch ohne selber von der Biologie sonderlich viel zu kennen, dachte es in mir:

„Oh, der Herr Professor nimmt sich viel heraus,
er lehnt sich vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster.“

Er hatte nämlich gesagt, wenn er eins wisse, dann, was Leben heiße. 
Wie gesagt, ich kenne nicht viel von der Biologie, ich weiß aber, dass man das nicht sagen kann. Keiner kann sagen, was das Leben ist und bedeutet, das Leben ist nämlich ein Mysterium.
Weißt Du schon, was ein Mysterium ist? Ein Mysterium ist  wie ein Geheimnis. Man kennt es nicht. Nur hat ist das Geheimnis etwas, das sich auflösen lässt. Hat man es gelöst, dann ist es kein Geheimnis mehr, weil man die Lösung kennt.
Es ist ein bisschen wir mit dem Unterschied zwischen einem Problem und einer Schwierigkeit. Hat jemand das Problem der Armut, dann ist die grundsätzlich lösbar. Wenn ihm ein anderer genügend Geld gibt, dann existiert das Problem nicht mehr. Es ist gelöst. Hat jemand die Schwierigkeit einer Behinderung, dann kann er nichts daran ändern. Schwierigkeiten sind nicht lösbar, man hat sie und sollte sich mit ihnen arrangieren, so weit es geht.
Mit dem Mysterium verhält sich das auch so. Es hat ein Geheimnis, hinter das man nicht kommen kann, jedenfalls nicht zu Lebzeiten auf der Erde. Mit Mysterien sollte man sich anfreunden. Man steht staunend davor, und wer an den Himmel der Christen glaubt, der kann sich auf seine feierliche Auflösung dort freuen. Im Himmel öffnen die Mysterien nämlich ihre Tore, und man kann schauend hinein marschieren. Wer nicht an den Himmel glaubt, der hat in dieser Sache Pech gehabt. Ihm geht es wie Gottfried Benn mit seinen letzten, berühmten Zeilen aus seinem Gedicht „Menschen getroffen“:

„Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.“

Für den Christen besteht die Freude auf den Himmel gerade in der Auflösung und Begehbarkeit der Mysterien. Wenn man so möchte: Gott öffnet für seine Kinder sein Herz und lässt sie hinein schauen und hinein wandern sozusagen. Sie dürfen sein Innerstes betreten und erleben. Genau darin wird der große Genuss des Himmels bestehen. Aber davon mehr gegen Ende unseres Vorhabens, wenn wir den Himmel mit dem Paradies vergleichen.
Das Leben als solches ist also ein Mysterium. Es ist da, wir stehen staunend davor und können nicht sagen, was es ist. Wir können nicht sagen, wann genau es anfängt, wir können nicht sagen, wann genau es endet und schon gar nicht wie. Wir können wohl sagen, der Opa lebt, dann lebt er eben. Wir können auch sagen, ein Tier ist verendet, dann lebt es eben nicht mehr. Wie aber genau das Ableben geschah, das können wir nicht sagen, wir können auch nicht sagen, aus welchem Stoff es gewoben ist. Was lebt, das lebt eben, und auch der große Gelehrte Thomas kann nicht mehr sagen. Das Leben bedeutet, dass das Lebende sich aus sich selbst heraus bewegen kann. Das macht das Leben aus.
Ein kleiner Gedanke, bevor wir auf das Innenleben Gottes kommen: Der Anwalt des Thomas, Aristoteles, hatte einen Gedanken geäußert, der so schlicht, wie interessant ist und den sein Schüler Thomas öfter nennt:

„Das Leben ist das Sein des Lebewesens.“

Das heißt, ein Lebewesen hat sein Leben nicht, wie ein Schlosser seinen Schraubenschlüssel hat. Den kann er zur Seite legen und hört dabei nicht auf, ein Schlosser zu sein. Das Lebewesen hat nicht sein Leben, es ist sein Leben, oder besser gesagt, das Leben macht das Sein des Lebewesens aus. Wenn ein Hund etwa stirbt, dann ist er am Ende kein Hund mehr, denn ein Hund kann nur ein Hund sein, wenn er lebt. Ein Hund, der tot ist, ist ein ehemaliger Hund. So jedenfalls Aristoteles und mit ihm der heilige Thomas.
Das selbe sagen die Christen von Gott, auch wenn er über alles völlig erhaben ist. Auch für ihn muss eigentlich gelten, sein Leben ist seine Weise zu sein, und Leben bedeutet so etwas wie Bewegung von innen her und aus sich selbst, ohne etwas von außen dazu zu brauchen. Aber wie gesagt, wir stehen hier vor einem Mysterium.

Anm:
Sent. De anima 1,14,11: „Unde et vivere dupliciter accipitur. Uno modo accipitur vivere, quod est esse viventis, sicut dicit philosophus, quod vivere est esse viventibus. Alio modo vivere est operatio.“

– „Von daher versteht man unter Leben zweierlei. Zum einen das Leben selbst, das das Sein des Lebewesens bedeutet, wie der Philosoph sagt: Leben heißt Sein für das Lebendige.
Aristoteles schreibt sein Zitat in seinen zweiten Kapitel des Buches Über die Seele.

Sth I, 18,1,co: „Primo autem dicimus animal vivere, quando incipit ex se motum habere.“
– „Zunächst sagen wir ein Tier lebt, wenn es anfängt aus sich selbst heraus eine Bewegung zu entwickeln.“

 

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3 Kommentare zu “Keiner weiß, was Leben ist

  1. „Schwierigkeiten sind nicht lösbar, man sollte sich mit ihnen engagieren, so weit es geht….“

    Sollte das nicht eher „arrangieren“ heißen?

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