Fordert Gott eigentlich viel?

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Text erst mal geändert.

Islam und Christentum, 39

Ein Gedanke dazu vielleicht noch: Im Klima meiner Kirche gibt es eine alte Weisheit. Sie taugt zum hinter die Ohren schreiben, und lautet:

„Viele Gebote machen viele Sünden“,

und im Licht dieses Gedankens kann man von meiner Kirche sagen, was viele ihr nicht zutrauen: Sie spricht viel und fordert wenig. Sie empfiehlt ganze Säcke voll, was man tun kann, was man sollte oder eigentlich müsste. Sie ordnet aber kaum etwas unter schweren Konsequenzen an. Und wenn es Konsequenzen gibt, dann geht nicht an den Leib und nicht an das Leben. Man kann rausfliegen, im hohen Bogen sogar. Das kann man bei allen Gesellschaften, die mit dem Anspruch auftreten, ernst genommen zu werden. Es kann aber jederzeit wieder kommen, der es sich in ihrem Sinn anders überlegt hat. Überlegungen brauchen schon mal Zeit im Wandel des Lebens und seiner Umstände. Wenn einer geht oder fliegt, dann wird ihm ordentlich der Friede gewünscht und es wird kräftig hinterher gebetet. Er kann aber wieder kommen. Ein Freund von mir ist vom Glauben abgefallen und nach Jahren wieder zurück gekehrt. Hätte ich ihn gleich umgebracht oder auch nur die Freundschaft gekündigt, dann hätten er – und vor allem der Liebe Gott – die Zeit nicht gehabt, die er brauchte.

Um auf unsere Frage zu kommen: Gott fordert zugleich alles und zugleich wenig. Vor allem fordert er von mir nicht, seinen Wunsch und Willen auf der Erde durchzusetzen. Der heilige Thomas hat mir ins Tagebuch geschrieben, dass kein Mensch im Stande ist, Gottes konkreten Willen zu kennen. Niemand kann sicher sein, den Willen des Höchsten zu durchschauen. Das einzige, was wir können, so der Meister jedenfalls, ist wünschen, dass unser Wille mit seinem harmoniert.

Dennoch: Unser Herr und Meister will unser ganzes Herz und damit in gewisser Weise alles. Um das zu bekommen allerdings, braucht er ’nur‘ unsere freie Zustimmung, die am besten aus einer Liebe kommt. Aber auch wenn er die hat, braucht es nicht viele Anordnungen, sondern eher viel Zeit. Die zehn Gebote vom Sinai reichen, wenn man die beiden Jesu hinzunimmt: Gott lieben und den Nächsten Menschen wie sich selbst. Ganz gleich übrigens, wer da gerade auftaucht und mit seinem Leben bei uns wirklich wird. Es kann ja keinen Menschen geben, der nicht irgendwie doch ein Kind Gottes wäre.

Das ganze steht, wie gesagt, im Schein jener oben genannnten Weisheit. Möglichst wenig Gebote und, wenn es geht, keine Gesetze! Wann immer die Kirchen sich zu sehr mit den Gesetzgebern der Welt angefreundet haben oder gar in ihren Diensten standen, gab es Verwirrung, Ärger, Not und schlimme Zeiten. Es hat den Kirchen weh getan und lange gedauert, bis sie das gelernt haben, und sie haben widerwillig und gegen ihre Gelüste lernen müssen. Heute empfinden wir es als einen großen Fortschritt und eine wirkliche Marscherleichterung, das Gepäck der Politik (die, wie gesagt, nie heilig sein und vor allem nicht bleiben kann) nicht mehr auf dem Rücken zu haben. Du kennst doch den Vers aus dem Koran, nach dem es heißt, wer einen Menschen umbringt, der bringt die ganze Menschheit um. In ähnlichem Sinn kann man sagen, ein Fehlurteil im Namen Gottes beschmutzt das gesamte Gesetz und die ganze Religion. Eine einzige Fatwa, die im Namen Gottes ausgesprochen wird und nicht nach seinem Herzen ist, trübt den Blick auf das Heilige, und wer wird ihn wieder säubern?
Leute also, die bei uns irgendwelche kirchliche Gemeinschaften ins Leben rufen und gleich mit einem Gesetzbuch an den Start gehen, traut man besser nicht über den Weg. Schon gar nicht, wenn sie sagen, sie kämen im Namen Gottes. So wird auch eine Religion, die das politische Leben und das des Alltags regeln will, in unseren Breitengraden sicher immer auf Widerstand stoßen.

 

Sth I-II,19,10, co: Unde consuevit dici quod conformatur, quantum ad hoc, voluntas hominis voluntati divinae, quia vult hoc quod Deus vult eum velle.
-„Man sagt für gewöhnlich, der Wille des Menschen stimme mit dem Gottes überein, wenn er das will, von dem Gott will, dass er es will.“

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