Die Ewigkeit des Ewigen

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Islam und Christentum, Teil 34

Seit ich mit dem Lesen angefangen habe, wurde ich Zeuge von gleich zwei Erfindungen, die den Forschenden das Leben erleichterten, wie den Reisenden die Erfindung des Autos oder das Einführen von Flugzeugen. Das erste war die Erfindung der mobilen Datenspeicher. Als ich zum ersten Mal einen mit allen Büchern vom heiligen Thomas in die Hand bekam, gab es nichts wichtigeres, als zu meinem Lehrer zu rennen. Ich wollte sein Gesicht sehen.

Der hielt das kleine Ding in den Händen und fragte, erstaunt wie ein Kind: „Auf diesem kleinen Stück Plastik sind wirklich alle Bücher des heiligen Thomas enthalten?“ Er brauchte nicht mehr in die Bibliotheken laufen, um an die Bücher zu kommen. „Ab heute kommen die Bücher zu ihnen!“ Er schaute mich an, wie wenn eine Kuh durch die Luft fliegt. Es stockte ihm der Atem und er konnte erst gar nicht glauben, wie diese vielen tausend Seiten auf einem kleinen Stück Plastik untergebracht werden konnten.

Die zweite große Erleichterung war das Internet. Eigentlich muss man erlebt haben, wie das Leben ohne war, um zu empfinden, wie das die Welt veränderte. Man konnte plötzlich vom Schreibtisch aus in allen möglichen Büchern alles mögliche nachschlagen! Früher musste man sich in die großen Bücherstuben begeben, die Wälzer aus dem Regal ziehen und brauchte Glück, dass nicht irgendein Student gerade die passende Seite heraus gerissen hatte.

Vor der Zeit des Internet und der Speichermedien hatten wir gegenüber den Zeiten des Mittelalters einen weiteren, großen Vorteil: Es gabt den Buchdruck! Der war im sechzehnten Jahrhundert erfunden worden, also drei Jahrhunderte nach Thomas. Erst jetzt konnten die Bücher schnell und in großen Stückzahlen produziert werden. Zuvor waren alle fein säuberlich abgeschrieben worden. Die Bücher im allgemeinen hatten früher viel größeren Seltenheitswert gehabt. Heute werfen sie einem die Dinger nach.

Weil das alles so war und ist, habe ich immer schon eine große Bewunderung für meinen Lehrer. Er konnte nicht nur besonders gut denken, er konnte scheinbar alles im Kopf behalten, was immer er je gelesen hatte. Als man ihn gegen Ende seines Lebens fragte, wofür er besonders dankbar gewesen sei, sagte er, er habe alle Bücher sofort verstehen können. Das war schon viel. Wenn man aber in seine Bücher schaut, dann sieht man überall, dass er mit den Zitaten anderer Schreiber zu spielen versteht, wie ein Jongleur mit seinen Kegeln. Thomas kannte alle wichtigen Autoren vor ihm und konnte aus ihren Aussagen die schönsten Sträuße binden, so üppig, wie er sie brauchte.

Heute zitiert er einen Denker, der siebenhundert Jahre vor ihm geschrieben hatte. Aus dessen bekanntesten Buch zitiert er einen Satz, um den allein er seinen Schreiber verehrte. Der Autor hieß Anicius Manlius Severinus Boëtius, wurde aber nur mit seinem letzten Namen genannt.  Boëtius hatte am Ende seines bekanntesten Buches die Ewigkeit mit einem kurzen Satz beschrieben: „Ewigkeit bedeutet der vollkommene Besitz endlosen Lebens. Ein Besitz, der dieses Leben ganz und zugleich in sich einschließt.“ Thomas zitiert diesen Satz oft und erklärt, wo immer er kann, dass er die Sache genau trifft.

Wenn von der Ewigkeit die Rede ist, dann wird eigentlich immer über Zeit gesprochen. Schließlich heißt ewig sein, keinen Anfang und kein Ende haben. Anfang, Ende und Ewigkeit sind nunmal Wörter, die aus jener Kiste genommen sind, die alle Zeitwörter enthält. „Am Anfang war das so oder so“, meint einen Zeitpunkt. „Wenn das hier zu Ende ist“, ebenfalls. Auch wenn gesagt wird, die Ewigkeit sei irgendwie „ohne Zeit“, so ist doch von ihr die Rede. Boëtius ändert das. Er spricht ganz anders vom Ewigen und führt das Wort „Leben“ ein. Wenn man so möchte, bedeutet Ewigkeit also eher ewig leben, als „nur“ ewig irgendetwas sein.

Leben ist das Größte. Ein Stein kann noch so groß und noch so reich und fein behauen sein. Er ist immer weniger wie das kleinste Ding, das lebt.

Boëtius sagt nun von der Ewigkeit, sie bedeute Leben ohne Ende und Anfang. Sie bedeute, die absolute Fülle des Lebens und sie bedeute alles Leben auf einmal. Mehr geht nicht. In der Ewigkeit gibt es kein Mehr und kein Weniger. Es gibt kein Hintereinander, kein gestern und heute. Es gibt nur alles zugleich und alles in der vollsten Fülle, und das wird hier gesagt, gilt für das Größte, das Leben. Thomas sagt in den nächsten beiden Kapiteln, Gott sei ewig, und nur er könne ewig sein. So vollkommen kann nur einer sein. Alles andere, alles, was nicht er ist, ist viel weniger als er.

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