Feindesliebe

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Die Frage lautet, ob man nicht mal stöbern könne, was der Meisterdenker zur Feindesliebe zu sagen hatte.

Er spricht gleich an mehreren Stellen drüber und gerne mal unter verschiedenen Perspektiven. Der prominenteste Ort ist natürlich die große Summe, das reifste seiner Werke. Da müssen wir uns jetzt mitten hinein begeben. In den zweiten Teil des zweiten Buches nämlich. Ins fünfundzwanzigste Oberkapitel, wo von der caritas gesprochen wird, also von der Liebe Gottes zu uns und unserer zu ihm. Die Kapitel acht und neun von zwölf behandeln die besondere Liebe zu den Feinden. Das zweite der beiden bespricht die innere Haltung, und das erste sollten wir uns ansehen.

Es tut mir leid, wenn ich enttäuschen muss, anders ist es hier nicht zu kriegen. Es geht nur so, wir müssen von Gott sprechen. Thomas sagt nämlich, ohne könne überhaupt nicht im eigentlichsen Sinn von der Feindesliebe gesprochen werden. Thomas ist übrigens kein Friemelfranz. Er duselt nicht gefühlig darum, sondern kommt zur Sache, und das immer in der Erwartung, wer es besser weiß, der soll es besser sagen.

Ohne Gott also keine Liebe zu den Feinden. Deshalb steht das Kapitel zur Feindesliebe ja auch im Kapitel über das Verhältnis mit Gott. Aber warum gleich so religiös? Der Grund ist ganz einfach, wenn man den Thomas einmal kennt.

Zunächst sagt er in seiner Antwort, den Feind zu lieben, insofern er ein Feind ist, sei verkehrt. Das ist leicht zu erklären, eine Mutter, die an ihrem verkommenen Sohn hängt, lieb ihn nicht, weil er Drogen nimmt. Die sollte sie eher hassen, also vernichtet wissen wollen, sie machen ihn ja schließlich kaputt. Sie liebt ihren Sohn, weil er ihr Sohn ist, basta. Feindschaft im Sinn des Thomas ist eben etwas, was den anderen kaputt machen will. Deshalb wäre es verkehrt und sicher eher komisch, auch das meinen lieben zu müssen.

Dann sagt der Meister, die Feinde lieben, weil sie ein Teil der menschlichen Gemeinschaft sind, das gehöre freilich zur heiligen Liebe dazu. Die Feindesliebe sei hier ja als eine Unterart der Liebe zum Nächsten einzustufen. Mag der Feind sich daneben benehmen wie er will, er ist einer von den Nächsten.

Jetzt wird es interessant: Thomas schreibt, die heilige Liebe schließe nicht unbedingt mit ein, dass man dem konkreten Feind etwas konkretes Gutes tun müsse. Das allgemeine Gebot zur Nächstenliebe bleibt allgemein. Es schreibe nicht vor, dass man sich zu jedem konkret hingezogen fühlen müsse, um ihm Gutes zu tun. Das ginge schließlich gar nicht. Es müsse allerdings jeder in seinem Herzen die Bereitwilligkeit mitbringen, derart Gutes zu tun, wenn die Situation es fordere.

Thomas macht sich nichts vor. Was hier gesagt sei, gehöre bereits zur Vollkommenheit der Liebe. Und jetzt kommt der Punkt: Je mehr einer nämlich Gott liebe, desto mehr liebe er in dieser Liebe auch in seinem eigenen Feind. Auch die feindlichen Akte würden ihn von dieser Liebe, die eigentlich eine Liebe zu Gott ist, nicht abbringen lassen. Dann schreibt er, jemand, der seinen Freund liebt, der liebt auch dessen Kinder, mögen sie ihm auch feindlich gesinnt sein. Nicht viele, aber große Worte, würde ich meinen.

 

Anm:
Die Stelle in der Summe:  Sth II-II,25,8.
Bei näherem Interesse: Im Sentenzenkommentar: Sent 3,30. In der Summe interessant wäre auch die Frage, ob man für seine Feinde beten soll: Sth II-II,83,8. In der Abhandlung zu den Tugenden steht zur Frage, in wie weit sie zu den eigentlichen Geboten zu rechnen sei: De virt 2,8.

 

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