Der ewig Unbewegte und seine Märchenwelt

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Islam und Christentum, Teil 33

Mir gefällt der Umstand, dass wir nie aufhören, unsere Kindersprache zu sprechen. Wir wissen, dass die Erde sich dreht, und dass sie deshalb ein wechselndes Verhältnis zum Mond hat. Trotzdem hören wir nicht auf zu sagen, der Mond gehe auf und unter, obwohl das wissenschaftlich gesehen überhaupt nicht stimmt. Es gibt viele solcher Beispiele.

Eigentlich gefällt mir weniger die Sprache selbst und die Tatsache, dass wir sie sprechen. Mir gefällt eher, dass wir der Wissenschaft nicht gestatten, unsere Sprache, und damit unsere Gefühlswelt zu erobern. Eine Katze ist immer noch eine Katze und kein Stoffwechselpaket mit irgendeinem Fell. Ein Schluck Wasser bleibt ein Schluck Wasser, und der Klang des Wortes weckt herrliche Erinnerungen an schlimmen Durst und die kühle Erfrischung, die danach die Kehle herunterfließt. Hätte die Wissenschaft unsere Sprache erobert, dann würden wir ein Glas H2O bestellen, kein Wasser. Die Katze wäre eine Unterart der Säugetiere mit einem bestimmten Wert beim Metzger. Unsere Sprache bleibt die von der Straße und unsere Vorstellungen bleiben die von Kindern. Die Wissenschaft hat ihre eigene Weise, sich auszudrücken. Das ist gut so, und das soll sie behalten. Es gibt nämlich, wenn man so möchte, zwei Welten auf der einen Welt. Die eher dröge Welt der Wissenschaft und die märchenhafte Welt der Kinder. Eine Katze ist wirklich beides. Sie ist wirklich, was die Biologen sagen und sie ist wirklich, was das Kind meint, dem sie gehört. Ein Glas Wasser ist auch beides. Es ist wirklich das chemische Element und wirklich ein Produkt von zwei Teilen Wasser- und einem Teil Sauerstoff.

Es gibt bei uns Menschen offenbar eine Tendenz, die beiden Welten nicht gut nebeneinander ertragen zu können. Wir würden lieber die eine als Hauptwelt haben und die andere in sie aufsaugen. So gibt es schon mal Wissenschaftler, die es gern hätten, wir würden nicht mehr an wirkliche Sonnenaufgänge glauben. Wasser sei „in Wirklichkeit“ nur ein chemisches Element und alle anderen Vorstellungen seien „nur“ Märchen. Ich würde mich heftig dagegen wehren wollen, und müsste ich mich für eine Welt entscheiden, es wäre sicher nicht die der Wissenschaft. Es gibt auch Leute, die nicht wahrhaben wollen, was die Biologen sagen.

Wie gesagt würde mir nicht gefallen, wenn die Märchenwelt von der anderen erobert würde. Ich lebe viel lieber weiter unter der Herrschaft der Bezauberung. Schließlich wird der Himmel am Ende ja auch vor allem eins sein: Ein Märchenland, in dem die Kinder mit Löwen spielen können, in dem es Kühlschränke gibt, die keinen Strom brauchen und wo man den Rasen nicht mehr mähen braucht, weil die Engel das voller Entzücken erledigen. Es lohnt sich, das zu wählen, das am Ende gewinnen wird. Dann braucht man nicht umziehen.
Für uns hier heißt das ganze allerdings, dass wir beim heiligen Thomas jede Menge Übersetzungsarbeit leisten müssen. Er ist nämlich in seiner Arbeit ein ausgesprochener Wissenschaftler. Er schreibt zwar, der Genuss sei die vornehmste Tätigkeit im Himmel, aber wenn er ihn beschreibt, dann hat das den Charme eines Brückenpfeilers.

Die Behauptung, auf die wir heute stoßen, lautet, Gott sei ganz und gar unbeweglich. Das will dem Prinzen aus der Märchenwelt nicht gefallen. In seiner Welt hat Gott sich nämlich sehr wohl bewegt, und zwar auf ihn zu und in sein Herz, um dort liebevoll und unaufdringlich zu wohnen, um ihm Trost zu spenden und sanft zuzureden, dass er ein Kind Gottes ist. Thomas widerspricht natürlich nicht, im Gegenteil, er beschreibt es sogar, wenn auch mit wenig märchenhaften Worten. Er hält aber mit der Sturheit eines Esels an der Behauptung fest: Die Gottheit, insofern sie göttlich ist, muss ganz und gar unbeweglich und total unveränderlich sein und immer bleiben. Genau wie sie das schon immer war. Und jetzt kommt die Behauptung, die erst einmal schwierig zu verstehen ist, die aber stimmen muss, ebenso, wie das Wasser aus zwei Elementen besteht: Auch die Menschwerdung in Christus hat Gott weder klein gemacht, noch bewegt. Sie hat ihn in seinem Inneren nicht verändert und ihm schon gar nicht seiner absolute Erhabenheit beraubt. Beide Reiche müssen gehalten werden, und Thomas zu lesen wird erst schön, wenn man seine Worte in märchenhafte Bilder überträgt. Man macht aus Kochrezepten ja schließlich auch leckere Gerichte.

Anm:
Sth I,9,1: Deus est immutabilis.
Sent II,10,1,1, arg 3: „Sed inter omnes actus patriae, fruitio est nobilissima.“

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