Sehnsucht nach dem Unbegreiflichen

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Islam und Christentum, Teil 32

Wie gesagt, in der Antwort auf unsere Frage werden einige Punkte dabei sein, die wir sicher gemeinsam und vor allem gleich beantworten. Ich denke, wir werden beide behaupten, dass Gott nicht nur allmächtig ist, sondern, dass er auch alles mitbekommt. Schlicht gesagt: Gott bekommt alles mit. Thomas sagt dazu sinngemäß: Wer alles sieht, der ist auch überall. Deshalb kann er sagen, Gott sei überall und es gibt keinen Ort, von dem man sagen müsste, Gott komme da nicht hin oder sei nicht schon immer irgendwie vor uns am Ort.

Thomas nennt ein hübsches Beispiel. Ein König, sagt er, ist an jedem Fleck seines Reiches. Er kann natürlich nicht körperlich zugleich an jedem Ort sein. Seine Macht aber, die reicht überall hin, und – im Fall Gottes – sein Blick auch. Auch das ist eine Form der Anwesenheit. Also ist Gott nicht nur überall, sondern auch überall wirkend.

Der Meister nennt allerdings noch eine ganz andere Weise der Anwesenheit Gottes, die es geben kann. Es ist die Anwesenheit in der Seele. Die Christen behaupten sie, und ich wüsste gern, in wie weit ein Muslim da mit gehen kann. Am besten beschreibe ich kurz einen Gedanken des Thomas dazu.
Wenn wir etwas erkennen, dann ist das Erkannte in uns. Wir behaupten es und es ist auch so. Sehnst Du Dich nach Deiner Freundin, dann sagst Du, dass sie in Deinem Herzen ist, und sie ist es. Wenn Du die Augen schließt und Dich an ein Auto erinnerst, das Du am Tag zuvor gesehen hast und was Dir besonders gefiel, dann ist das Auto längst irgendwo anders. Du hast es als Bild aber noch im Kopf. Wenn Du es gern besitzen würdest, dann drängt sich das Bild als Wunsch nach vorn.

Thomas sagt nun, Gott sei als ein erkannter Gegenstand in den Herzen seiner Heiligen und als Gegenstand ihrer Sehnsucht da. Die Heiligen sehnen sich nach ihm, sie sehnen sich danach, bei ihm nach Haus zu finden und sie sehnen sich nach dem Frieden, den er allein schenken kann.

Aus meinen Gesprächen mit Muslimen weiß ich, dass Gott auch für sie ein Gegenstand der Sehnsucht sein kann und nach der Meinung vieler auch sein sollte. Mit anderen Worten, auch Muslime sehnen sich nach Gott und seinem Reich. Wir teilen da etwas. Es gibt da allerdings einen Unterschied, den die Christen predigen und von dem ich denke, dass er muslimischerseits eher abgelehnt werden muss: Die Behauptung nämlich, nach der Gott als erster die Initiative ergriffen und sich zu den Menschen sozusagen herunter begeben hat.
Für sich genommen ist Gott unbegreiflich und immer eine Nummer zu groß für unseren Verstand und für unser Herz. Darin sind wir uns sicher einig. Das bedeutet also: Dass wir von ihm begreifen können, was wir begreifen, dazu muss er sich in die Bedingungen unseres Begreifens begeben haben. Wir können nichts von ihm wissen, wenn er sich nicht für uns begreifbar macht. Wir können ihn nicht lieben, wenn wir vorher nichts von ihm erkannt haben. Kein Mensch hätte je etwas von ihm gewusst, hätte er, der Unbegreifliche, sich nicht zu uns herab begeben hätte. Gott ist groß, der Mensch ist klein. Um ein Wort von Kardinal Meisner zu bemühen.

„Der Mensch ist schon mal ein kleiner Gernegroß.
Die Gottheit der Christen hat sich als ein großer Gerneklein gezeigt.“

Wenn Gott will, dass der Mensch etwas von ihm versteht, dann muss er sich irgendwie in die Kleinheit des menschlichen Herzens begeben.  Wie gesagt, ich wüsste gern, in wie weit wir da zusammen gehen. Vielleicht wäre es auch mal ganz gut, sich mal Zeit zu nehmen, unser Buch hier einem Muslimischen Gelehrten zu geben, um es einmal in Ruhe mit ihm zu besprechen. Vorausgesetzt natürlich, er hat Lust dazu.
Aber: Wir tun an dieser Stelle gerade einen Schritt zu weit. Was wir hier gerade besprechen, gehört nämlich in das Kapitel von der Gnade, und das kommt erst etwas später. Im Moment sind wir noch bei den Fragen nach der Gottheit allgemein. Damit sollten wir als nächstes weitermachen.

Anm:
Sth I,8,2,co: „Deus est in omni loco, quod est esse ubique.“
– „Gott ist an jedem Ort, das heißt, er ist überall.“

Sth I,8,3,co: „Deus est in omnibus rebus per essentiam, potentiam et praesentiam.“
– „Gott ist in allen Dingen seinem Wesen, seiner Mächtigkeit und seiner Präsenz nach.“

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