Das göttliche Aufladegerät

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Islam und Christentum, Teil 31

Wir kommen unserer Sache näher. Gott ist ganz nahe bei und ganz weit weg zugleich. Beides ist sehr wichtig zu sehen. Weißt Du, was ein Paradox ist? Unsere Behauptung ist eins. Wir machen von einer Sache zwei Aussagen, die sich beide grundsätzlich widersprechen, die aber doch zugleich stimmen sollen. Wenn einer sagt, dein Vater sei bei euch in der Küche, obwohl du genau weißt, dass er gerade zum Besuch seiner Familie im Libanon ist. Beides zusammen geht nicht. Dein Vater ist entweder hier oder dort. Deshalb ist die Behauptung, er sei beides, paradox.
Übrigens, wenn du mal irgendwo gebildet klingen musst, dann sag nicht ‚paradox‘. Nimm besser das griechische Originalwort, ‚Parádoxon‘, das klingt schlauer. Du musst dann nur beachten, dass man es auf den zweiten „a“ betont, nicht auf dem ersten „o“, wie man im Deutschen vermuten würde. Wählst du die griechische Variante und betonst sie deutsch, dann klingt das wie ein Möchtegernschlaubär, und das ist nicht gut. Du erreichst genau das Gegenteil von dem, was du wolltest.

Also der Satz: Gott ist ganz nahe und ganz weit weg zugleich, klingt paradox. Sollte er dennoch wahr sein, dann muss er einen Haken haben, und das macht ihn interessant. Aufsätze und Reden, die mit Parádoxa (so übrigens die grichische Mehrzahl, auch gut zu wissen) beginnen, werden gern weiter gelesen. Es ist insgesamt kein schlechter Tip, seine Aufsätze oder Reden mit pardoxen Behauptungen anzufangen. Genau so gut ist es, mit etwas zu beginnen, was den Lesern nicht gefällt. Widerspruch reizt zum Weiterlesen oder weiter Zuhören. Der Widerspruch sollte die Leute allerdings nicht um die Ohren geschlagen werden, sondern eher sanft auf dem Spielfeld niedergehen.

Das Paradox muss also einen Haken haben, dass es wahr sein kann. Ich nenne zur Gewöhnung ein zweites. Der Schriftsteller Heimito von Doderer wurde einmal gefragt, ob er die Briefe seiner Leser an ihn beantworte. Er nannte eine paradoxe Formel, die ungefähr so ging:

„Der Schriftsteller schreibt nicht, weil er schreibt,
oder er schreibt, weil er nicht schreibt.“

Der Satz klingt unmöglich, und das macht ihn interessant. Wenn man aber in Gedanken „Briefe“ und „Romane“ einsetzt, dann wird alles verständlich:

„Der Schriftsteller schreibt Briefe – gerade – nicht, weil er Romane schreibt,
oder er schreibt Briefe, weil er seine Romane – gerade – nicht schreibt.“

Der Haken muss gefunden und aufgelöst werden, und das gibt dem Leser Rätsel auf. Das ist gut.

Wir sollten auch den Haken an unserem Paradox auflösen. Thomas schreibt: Gott ist in allen Dingen. Nach dem, was wir schon gesehen haben, geht das gar nicht. Gott ist von der Art, dass er nicht in etwas sein kann. Ein Elefant kann nicht in einer Ameise stecken, das passt nicht. Es passt auch nicht, dass die Gottheit, wie wir sie beschrieben haben, in einem Staubkorn ist. Der Grenzenlose kann nicht in Grenzen stecken. Dennoch: Wenn Thomas seine Behauptung aufrecht erhalten will, dann muss er den Haken erklären, und das tut er. Er sagt nämlich, es gibt mehrere Weisen, wie etwas in etwas anderem sein kann.

Du kennst doch diese neue Methode, mit der man Handys auflädt. Die Methode ist, nebenbei bemerkt, nicht neu. Sie auf Handys anzuwenden wohl. Elektrische Zahnbürsten werden schon immer so geladen. Man muss das Handy nur noch auf die Ladestation legen und braucht kein Kabel mehr. Allein durch das Zusammenkommen fließt der Strom von einem ins andere. Wichtig ist aber der Kontakt. Die beiden Geräte müssen unmittelbar aufeinander liegen, dann wirkt das eine im anderen, ohne wirklich in ihm zu sein. Es ist aber wahrhaftig in ihm tätig. Das Ladegerät ist nicht im Handy, seiner Wirkung nach aber wohl, es tut wirklich etwas in ihm. Das ist eine Weise, in ihm zu sein. Haben wir das mit der Sonne schon gesehen? Die Sonne ist auch nicht in den Kieselsteinen, die sie erwärmt. Ihrer Wirkung nach aber ist sie sehr wohl mitten in ihnen.

Bei der Gottheit und den Geschöpfen ist es nun nicht so, dass sie von ihr aufgeladen oder warm gemacht werden müssen. Wenn wir aber im Bild bleiben wollen, dann können wir sagen, alle Dinge müssen während der ganzen Zeit ihres Daseins mit der Energie ihres Seins geladen werden und auf direkte Tuchfühlung sein. Nimmt man die Dinge von ihrer göttlichen Ladestation, sind sie mit einem mal nicht leer, sondern gar nicht mehr da. Alle Dinge, die kleinen, wie die großen, müssen sozusagen zugleich am Stecker Gottes hängen, um überhaupt da sein zu können. Das Dasein, das reine Sein, kommt unmittelbar aus Gott, und das Sein ist das Innerste der Dinge. Deshalb sagen die Gelehrten, Gott ist den Dingen innerlicher als sie sich selbst sein können.

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