Ist Gott gut oder nicht?

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Islam und Christentum, Teil 30

Du kannst Dir denken, wie es weiter geht. Nachdem wir kurz genügend über das Gute an sich gesprochen haben, lautet der nächste Schritt sicher: „Gott ist gut.“ So ist es. Oder besser gesagt, so ähnlich. Eine Sache sollten wir nämlich unbedingt bedenken. Sie wird hier nur auf einem scheinbaren Nebengleis erwähnt, für uns aber ist sie von großer Wichtigkeit.

Thomas war ein Bettelmönch. Dennoch diskutierte er gern. Ich weiß nicht, ob du es schon wusstest, aber Mönche reden nicht viel. Oder anders gesagt, sie gehen in ihr Kloster, um kein unnötiges Geschwätz mehr zu machen und an dem vielen Gerede in der Welt nicht mehr teilzuhaben. Mönche leben in Klostergemeinschaften zusammen, in dem sie sich bestimmte Regeln gegeben haben. Es gibt Häuser, in denen fast gar nicht mehr gesprochen wird. Wenn man sie betritt, hat man gleich das Gefühl, es umarmt einen eine heilige, aufmerksame Stille. Es gibt Klöster, in denen unter Ausschluss der Öffentlichkeit einfache Arbeiten verrichtet werden, und in denen die Mönche auch nichts anderes mehr machen möchten, um Zeit zum Gebet und zur Betrachtung zu haben. Es gibt Gemeinschaften, in denen man sich der Kranken- oder Armenpflege widmet. In ihnen muss mehr gesprochen werden, weil die Arbeit und die Liebe zu den Menschen es verlangt. Dann gibt es Klöster, in denen man sich dem Studium widmet, um möglichst gut predigen zu können, und es gibt unzählige, verschiedene Gemeinschaften, die sich tausend verschiedener Aufgaben widmen. Wer überhaupt ins Kloster möchte, der kann sich zuvor aussuchen, welchen Orden mit welcher Ausrichtung ihm am meisten liegt. Thomas ging in den sogenannten Predigerorden, auch Dominikaner genannt. Hier widmete sich man sein Leben lang dem Studium, um möglichst tiefgründig mit den Gelehrten der Welt und den Menschen auf den Straßen und Plätzen über den Glauben reden zu können. Thomas sprach nicht gern viel, aber er diskutierte gern.

Weißt Du, viel sprechen und wenig sagen, sind keine Widersprüche. Man kann den lieben langen Tag sprechen, ohne sonderlich viel dabei gesagt zu haben. Man kann ebenso eher wenig sprechen, aber mit allem, was man sagt, möglichst Dinge von Wert mitteilen. Von dieser Art Mensch war Thomas. Es heißt, wenn er nicht reden musste, hielt er den Mund. Wenn unnütz daher gequasselt wurde, versuchte er, sich aus den Staub zu machen. Aber wann immer er um Rat oder um die Beantwortung einer Frage gebeten wurde, konnte man einen wirklichen Gelehrten kennenlernen.

Thomas diskutierte gern. Das sieht man auch in einem guten Teil seiner Bücher, in der großen Summe zum Beispiel. Wenn er sich eine Frage stellte, ließ er stets Meinungen von den größten Gelehrten zu Wort kommen, die das genaue Gegenteil von dem sagten, was er über die Sache dachte. Erst, wenn er seine Gegner möglichst gut verstanden hatte, zog er seinen Joker und beantwortete die Frage. Danach besprach er dann nochmal die Einwände von oben, um sie zu entkräften. So auch hier.

Thomas beginnt sein kleines Kapitel über die Gutheit Gottes mit einem Einwand, der fogendermaßen lautet:

„Gut zu sein ist Gottes Sache nicht.
Gutsein bezieht sich nämlich auf die Weise, wie etwas ist, auf seine Art überhaupt und sein Verhältnis zu anderen Dingen.
Gott aber ist über all das erhaben und er teilt sich mit nichts eine Ordnung.
Also: Gut sein kommt Gott nicht zu.“

Wir müssen uns das kurz genauer ansehen, und ich würde gern den Satz aus der Mitte nehmen: Gut sein, damit meinen wir ein Verhältnis zu „den anderen Dingen“. „Die anderen“ meint immer so etwas, wie „eins von denen“ oder „einer von jenen dort“. Wenn du „einer von denen“ bist, dann bezeichnet das eine Gruppe von Leuten, die etwas gemeinsam haben. Einer von den Fans meint, einer aus einer Gruppe, die in einer Sache gleich ticken. Eins von den Mädchen dort meint, dass die alle das Mädchensein gemeinsam haben. Wenn Gott „eins von anderen“ wäre, dann wäre er eins von den anderen Geschöpfen oder sonst etwas. Über all das ist er aber erhaben. Er teilt sich mit keinem Geschöpf eine Grenze und kann mit nichts anderem zusammen in ein Regal gestellt werden. Gott sein heißt göttlich sein und göttlich sein meint, über alles, wirklich alles ganz und gar erhaben, unbeschreiblich eben. Also kann auf Gott das Gutsein, wie wir es immer verstehen, nicht zutreffen.

Wie immer bringt der Gelehrte Einwände, die möglichst gut sind und einen stutzen lassen. Diesem Einwand widerspricht er übrigens am Ende auch gar nicht direkt. Er sagt, was oben angesprochen wurde, meint Geschöpfe, die verursacht sind. Gott ist natürlich keins von ihnen, weil er keine Ursache hat. Er ist aber eine! Er ist die Ursache von all den genannten Dingen. Gott verursacht, dass die Dinge gut sind. Somit ist er selbst gut zu ihnen, ohne eins von ihnen zu sein.

Wenn ein Maler ein gutes Bild malt, dann sorgt er dafür, dass das Bild gut wird. Er ist aber selbst weder gemalt und schon gar nicht auch ein Bild zu nennen. Er verursacht es, ist selbst aber keins. Dennoch ist der Maler gut, weil er dem guten Bild seine Güte verpasst. Gott ist also im allerhöchsten Maße gut, weil alles ihm sein Gutsein verdankt.

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