Vier Klassiker

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 29

Hätte man vor fünfzig Jahren einen Schüler der Philosophie nachts um vier aus dem Schlaf gerissen und ihn genötigt, ganz kurz „die Ursachen“ zu sagen, er hätte genau vier Wörter aus der Pistole geschossen. Die selben hätte auch sein Kollege achthundert Jahre zuvor aufsagen können. Die vier Wörter lauten: „Zielursache, Wirkursache, Materialursache und Formursache“. Diese vier Ursachen genannten Sachen sind Klassiker. Alle Schüler in allen Jahrhunderten mussten sie drauf haben.
Ein Klassiker, den Du sicher kennst, ist der berühmte Satz des Pythagoras, mit dem man Dreiecke berechnen kann, die einen rechten Winkel haben. Alle Schüler aller Zeiten werden mit genau dem selben Satz bearbeitet, bis sie ihn können, für ihr ganzes Leben.
Sollte es in weiteren Tausend Jahren noch Menschen auf dem Planeten geben, dann werden die wieder mit genau den gleichen Sätzen gefüttert. Die Leute der Zukunft mögen dann eierförmige Köpfe haben, die viel größer sind als unsere. Vielleicht können sie sich ohne Fahrräder und Autos von der Stelle bewegen. Oder sie haben dann ganz andere Werkzeuge zum Schreiben. Die Klassiker aber, die wird es noch geben. Genau wie zwei Sachen, die auch nie aussterben werden: Bälle und Bücher. Solange es Kinder und Plätze gibt, solange gibt es Bälle, hinter denen die Kleinen her laufen. Solange es Menschen gibt, die denken können, so lange wird es Bücher geben. Es gibt einfach Klassiker, die sicher immer bleiben werden.

Dem Griechen Pythagoras fiel sein Satz vor tausendsechshundert Jahren ein. Als er ihn zum ersten Mal aufschrieb und vielleicht an irgendeinem sonnigen Vormittag einem seiner Freunde vorstellte, ahnte er wohl nicht, dass er sich genau mit diesem Satz für alle Zeiten unsterblich gemacht hatte.
Zweihundert Jahre nach Pythagoras schrieb sein Kollege Aristoteles seine vier Ursachen auf. Auch damit brachte er einen echten Klassiker zur Welt. Nun ist Aristoteles selbst eine Ausnahmeerscheinung, er ist nämlich der Rekordmeister unter den Machern von Klassikern. Pythagoras hatte nur diesen einen, berühmten Satz zu bieten. Aristoteles schuf Klassiker in Serie, und die vier Ursachen sind einer. Jeder Student muss sie seit dem blind aufsagen können. Es ist vielleicht gar nicht schlecht, wenn Du mal von ihnen gehört hast, zumal unser Thomas mit einer von ihnen um die Ecke biegt. Er sagt: Das Gute hat den Charakter einer Zielursache.
Nicht nervös werden. „Ziel“ und „Ursache“ sind, wenn man sie wörtlich nimmt, eher so etwas wie der Anfang und das Ende einer Wurst. Mit der Ursache fängt sie an, am Ziel hört sie auf. Diese beiden Sachen hier zusammen in ein Wort zu packen, darin liegt gerade der Clou.

Zunächst einmal: Alles, was geschieht, kann unzählige Ursachen oder Gründe haben. Allein die schlichte Tatsache, dass Ihr heute nachmittag wieder in die Halle kommt, um Fußball zu spielen, kann tausendfach erklärt werden: Die Jungs wollen ihren Spaß haben, sie wollen sich fit für ihre Mannschaft machen. Sie möchten vor ihren Freunden glänzen, sie wollen sich gut fühlen. Vielleicht will der eine oder andere seine Mutter stolz machen, oder sonstige Gründe anführen. Das sind viele Beispiele für Ursachen, die alle zugleich Ziele sind. Die Aussicht auf das Ziel lässt sie erst anfangen sich warm zu laufen.

Als zweites braucht Ihr noch gewisse Vorgaben, die einfach vorab da sein müssen. Die Halle muss frei sein, die Bälle müssen im Schrank liegen. Ihr braucht Eure Kleidung,  Ihr braucht mich oder jemanden, der aufschließt und die Zeit reserviert, und und. Das sind Sachen, die vorher da sein müssen und die man notwendige Materialien als Voraussetzungen nennen kann.

Als drittes braucht es Fundamente ganz anderer Art: Alle, die mitspielen wollen, müssen die Idee des Spiels kennen. Sie müssen wissen, was Fußball bedeutet und die Regeln der Halle im Kopf haben. Sie brauchen eine Vorstellung von Sieg und Niederlage. Sie müssen im Team spielen können und insgesamt wissen, worum es geht. Das ist die Voraussetzung, die klassisch mit dem Fremdwort Formalursache gemeint ist. Man muss sozusagen die Formeln kennen.

Zum Schluss braucht es noch die Vorgabe des Machens. Ihr braucht Euer Hirn und Eure trainierten Beine. Die müsst Ihr nicht nur haben, Ihr müsst auch wirklich anfangen. Das ganze bliebe graue Theorie, wenn nicht wirklich mal einer den Ball in die Halle würfe und wenn nicht wirklich alle loslegten. Die letzte Voraussetzung also setzt die ganze Sache in die Wirklichkeit. „Machen heißt das Zauberwort!“, lautete ein Lieblingsspruch eines meiner Ausbilder. „Einfach Loslegen!“, meinte er, wohl wissend, dass gerade der Start nicht immer das Einfachste ist. Aber er hatte Recht, nicht nur denken, erzählen und Bilder malen! Machen heißt wirklich werden lassen. Uns Spaß hat man am Spiel, nicht am Durchlesen der Regeln.

Jetzt haben wir die Klassiker genannt, und ich verrate kurz, Thomas hat einen Liebling unter den Vieren. Das ist die zu erst genannte, die Zielursache. Der Gedanke an das Ziel ist der Motor für alles. Hat mal einer keine Lust und keine Kraft mehr, was tut Ihr dann? Ihr erinnert ihn an den gold glänzenden Pokal, der eines Tages sein Regal schmücken wird. „Stell dir vor, was am Ende dabei heraus springt!“ Wer das Ziel vor Auge hat, der hat die Energie, und wer kein Ziel mehr sieht, der verliert den ganzen Sinn aus dem Blick. Denn Sinn haben heißt Richtung haben. In diesem Sinne sagt Thomas, das Gute  hat den Charakter, ein Ziel zu sein.

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