Das Reden um den heißen Brei

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 22

Wir reden hier also von etwas, über das man nicht reden kann und wir denken über etwas nach, was schier unverständlich ist, jedenfalls in diesem Leben. Thomas stellt das gleich am Anfang klar. Dabei führt er etwas ein, über das wir reden müssen: Man kann über Gott nicht sagen, was er ist. Deshalb müssen wir sagen, was er nicht ist, um uns ihm so zu nähern.

Das alles hört sich vielleicht etwas schräg an. Wir kennen das aber aus dem Leben. Wenn irgendwo ein Verbrechen begangen wurde und die Polizei weiß noch nicht, wo sich der Verdächtige aufhalten könnte, dann klappern sie alle Dörfer ab und fragen. Sie bekommen jede Menge Auskünfte, die alle nur sagen, dass sie nichts gesehen haben, und wenn sie dann wissen, wo überall der Gesuchte nicht ist, dann nähern sie sich doch seinem Aufenthaltsort.
Wenn einer nicht weiß, was ein Fisch ist, dann hilft ihm schon mal die Auskunft, Fische hätten weder Flügel noch Beine oder Arme. Sie würden nicht in der Luft fliegen und nicht auf der Erde spazieren. Wir erfahren also nicht wenig über Gott, wenn wir aufzählen, was er nicht ist.

In der Heidensumme beginnt der Meister mit einer Auskunft, die sich zunächst etwas schwierig anhört: Gott hat keine „passive Potenz“. Das ist eigentlich ganz einfach erklärt. Das Wort Potenz wird in der Sprache auf unseren Straßen als die Fähigkeit, sich zu vermehren gebraucht. Wer potent ist, der kann gut viele Kinder zeugen. Von dieser Bedeutung würde ich hier lieber absehen. Potent sein heißt allgemeiner gesprochen, dass jemand überhaupt etwas kann, ganz gleich erst einmal, was. Wenn mir warm wird, während ich hier sitze, habe ich die Möglichkeit, das Fenster zu öffnen. Ich bin groß genug und habe die Kraft dazu. Das heißt, ich besitze die Potenz, mir frische Luft zu verschaffen. Ich kann auch ganz woanders hin gehen. Also habe ich die Potenz, hier und da hin zu laufen. Was man aktiv machen kann, das beschreiben die aktiven Potenzen, und es können tausende sein.

Es gibt allerdings auch passive Potenz. Die Polizei könnte hier hereinplatzen und mich für den Verbrecher aus den Dörfern halten. Sie könnten mich verschleppen und ausfragen, ich hätte nicht die geringste Chance, das zu verhindern, wenn sie genügend Leute wären und die gesetzliche Handhabe besäßen. Sie könnten etwas mit mir machen, ich wäre dabei völlig passiv und könnte das alles nur hinnehmen. Damit habe ich die passive Potenz, verhört zu werden.

Gartenmöbel haben die passive Potenz, in den Regen gestellt und nass geregnet zu werden, ohne sich dagegen wehren zu können. Haustiere haben die passive Potenz, verkauft zu werden, manche haben die aktive Potenz, davor zu fliehen.

Thomas behauptet nun von Gott, dass er keine passiven Potenzen hat. Das bedeutet, nichts und niemand kann etwas mit ihm anstellen, ihm kann nichts passieren und nichts widerfahren. Nichts und niemand kann etwas tun, was ihn verändert oder beeinträchtigt. Um es auf eine Formel zu bringen: Gott kann alles tun und nichts werden.

Diesen Grundsatz aufzustellen, ist nicht ganz unwichtig, auch heute nicht. Es gibt nämlich Lehren und Ansichten, die das anders sehen. Eine gute Bekannte von mir hat eine religiöse Ansicht, die dem Thomas unmittelbar widerspricht. Sie sagt, alles sei Gott und Gott sei alles. Die ganze Welt, das ganze Universum sei irgendwie göttlich und würde ganz am Ende in der einen, großen Gottheit wieder zusammenfinden.

Es hat auch Philosophen gegeben, die sagten, Gott habe sich eine Welt quasi schaffen müssen, um an ihr und mit ihren Gegenüber irgendwie er selbst und vollkommen zu werden. Manche denken dabei an die Menschen. Es gibt Frauen, die werden erst durch ihr Kind irgendwie, was sie immer schon sein wollten. Manche sagen, der Mensch sei überhaupt von dieser Art. Er würde erst durch das Gegenüber, durch ein Du, das ihm begegnet zu sich und der eigenen Erfüllung kommen. Wenn wir sagen, der Mensch braucht Liebe, um ein ganzer Mensch zu werden, dann ist das dem nicht unähnlich. Auch dann braucht der Mensch etwas, was nicht er ist und was er lieben kann, um zu sich zu kommen. Meine Kollegin behauptete so etwas jedenfalls auch von Gott: Er braucht die Welt als Gegenüber und er braucht die Welt, um wirklich Gott werden zu können.

Dagegen schreibt der heilige Thomas, das komme nicht in Frage, von Gott müsse man das glatte Gegenteil behaupten. Er sei ganz ohne jede passive Potenz. Er braucht nichts, er hat nichts nötig, und die Welt und uns eigentlich auch nicht.

Anm:
Sth I,3,pr: „Quia de Deo scire non possumus quid sit, sed quid non sit, non possumus considerare de Deo quomodo sit, sed potius quomodo non sit.“
– „Weil wir von Gott nicht wissen können, was er ist, sondern nur, was er nicht ist, so können wir auch von Gott nicht erwägen, wie er ist, sondern eher, wie er nicht ist.“

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