Islam und Christentum, Teil 19

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Die engste aller Beziehungen

Beziehungen sind vielfältig. Manche bleiben, mache ändern sich. Es gibt Beziehungen, die unveränderlich sind und es gibt solche, die mehr oder weniger in unserer Macht stehen.

Die Beziehung einer Freundschaft etwa ist sehr verletzlich. Führst Du einen Freund an der Nase herum, verletzt Du die Freundschaft vielleicht. Ganz auseinander brechen muss sie darum aber nicht. Die Beziehung kann wieder in Ordnung gebracht werden. Betrügst Du einen Freund, ich meine jetzt wirklich, dann beendest Du damit die Freundschaft sofort. Freundschaft und Betrug sind unvereinbar. Es gibt also Beziehungen, die mit einem Mal verletzt und getrennt werden können.
Es gibt auch Beziehungen, an denen niemand etwas ändern kann. Bekommt ein Mensch ein Kind, dann ist er Vater oder Mutter. Diese Tatsache ist unveränderlich. Ganz gleich, was geschieht, eine Frau bleibt die Mutter ihres Kindes. Das Kind kann tun, was es will. Es kann wegziehen, nie wieder mit seiner Mutter reden oder sich in eine neue Familie einleben, seine Mutter bleibt doch seine Mutter. Auch aus ihr kann werden, was will, die Beziehung der reinen Mutterschaft bleibt, und sie bleibt immer. Die Welt mag unter gehen, das Universum in tausend Teile zerfallen, des bleibt bei der Tatsache, dass meine Mutter meine Mutter ist.

Überhaupt bleibt immer wahr, was einmal wahr geworden ist. Dass wir uns gestern gesehen haben, ist eine Tatsache, an der nichts und niemand etwas ändern kann. Da kann eine Bombe fallen und das Universum vergehen, dass wir uns gestern gesehen haben, ist und bleibt eine Tatsache. Auch in Hunderten, Millionen oder Milliarden von Jahren wird noch wahr sein, dass wir uns gestern sahen. Wahrheiten, die einmal wahr geworden sind, bleiben auf ewig war und sind in ihrer Wahrheit unberührbar. So ist auch die Tatsache unberührbar, dass Brüder Brüder und Schwestern Schwestern sind.

Auch die Beziehung der Geschöpfe zu Gott ist vielfältig und hat viele Schichten. Gläubige Leute sagen, das Gebet pflegt die Beziehung zu Gott. Manche sagen, sie wollen mit Gott nichts zu tun haben, solange er sich nicht ändert. Mit einer Gottheit, die von sich sagt, dass sie eine gute Gottheit ist und sich zugleich schweigend das Elend der Welt ansieht, ohne etwas zu ändern, wollen viele nichts zu tun haben. Andere haben ihre Antworten, die sie mit Gott versöhnen. Christen und Muslime sagen, Gott sei barmherzig. Das bedeutet, dadurch, dass er barmherzig an den Menschen handelt, bringt er Beziehungen wieder in Ordnung, die durch irgendetwas verletzt worden waren. Verzeihung ist ganz wesentlich das Sanieren von Beziehungen. Es gibt also welche, die Veränderungen unterliegen, und die so lebendig sind, wie die Lebenden selbst. Es gibt, wie gesagt, auch Beziehungen, die auf ewig unveränderlich sind. Eine solche Beziehung hat der Schöpfer zu seinen Geschöpfen.

Nehmen wir wieder das Beispiel der Sonne. Ein Stein liegt am Rand eines Weges und lässt sich von der Sonne bescheinen. Wir wissen aus der Wissenschaft, dass die Sonne abertausende Kilometer von ihrem Objekt, das sie erwärmt, entfernt ist. Zwischen der Sonne selbst und dem Stein am Weg ist eine geradezu unendlich weite Distanz. Dennoch schafft es der Stern, den Stein derart zu erhitzen, dass er mollig warm wird und wohltuend in der Hand liegt. Der Stein und die Sonne haben eine Beziehung miteinander, nämlich, um es einmal in der Sprache der Physik zu sagen, die der Wärmequelle zum erwärmten Gegenstand.

Eine andere Beziehung ist zum Beispiel die des elektrischen Stroms zur Glühbirne. Damit die Birne glühen kann, braucht sie den Strom, der durch sie fließt. Die Birne und der Strom haben eine Beziehung miteinander, denn die Birne braucht den Strom, um leuchten zu können. Ansonsten aber sind der Strom und die Birne ganz verschiedene Dinge.

Wir haben nun gesehen, Schöpfung bedeutet, der Schöpfer sorgt dafür, dass die Gehschöpfe da sind. Schöpfung heißt erschaffen und etwas erschaffen bedeutet erst einmal, dafür sorgen, dass es überhaupt da und nicht nicht da ist. Entweder es gibt den Stein in der Sonne oder es gibt ihn nicht. Nur halb geben gibt es nicht, wie es auch kein halbes schwanger sein gibt. Entweder eine Frau ist schwanger oder sie ist es nicht. Ein bisschen schwanger kann nicht sein. Ein bisschen Sein gibt es ebenso wenig. Deshalb sagt Thomas, das Sein ist immer eine Vollkommenheit. Das reine Dasein ist immer fertig oder es ist gar nicht. Eine Pflanze wächst, und wir sagen, eine Blüte ist schon halb geöffnet. Die Atome aber und die Moleküle, die wir dabei sehen, sind immer ganz in der Welt. Dass die Blume wächst, dafür sorgt die Sonne, dafür sorgen die Mineralstoffe, dafür sorgt das Wasser und der Mensch, der die Pflanze pflegt. Dass es sie aber gibt, dafür sorgt der Schöpfer. Solange es die Blume gibt, sorgt der Schöpfer dafür, dass die vielen tausend Dinge, aus die sie zusammen gesetzt ist, existieren.

Ich hoffe, meine Leser nicht zu langweilen, wenn ich immer von den selben Beispielen erzähle. Manche sind aber unübertroffen. So auch das Beispiel vom Filmprojektor, der seinen Film an die Leinwand spielt. Der Film, der läuft, hat seine Geschichte. Da läuft ein Film, der im Chicago der sechziger Jahre spielt. Es gibt eine Bande von Räubern und einen Haufen Polizisten, die ihr auf den Fersen ist. Die Darsteller der Handlung, die Detektive und Banditen, interessieren sich für alles mögliche, nicht aber für den Projektor des Filmes. Sie fahren in Autos, untersuchen Spuren, verhören Verdächtige und bringen sie hinter Schloss und Riegel. An den Projektor aber denken sie nie. Der Projektor gehört nicht zum Film. Dennoch hat gerade der Projektor eine überaus wichtige Beziehung zum Film, sowohl als ganzes, als auch zu allen Einzelheiten. Liefe der Projektor nicht, es würde den ganzen Film mit einem Mal nicht geben. Gibt es einen Stromausfall und der Projektor hört plötzlich auf, dann ist der Film nicht zu ende. Er hört einfach auf und die Leute sind ärgerlich, weil sie nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht. Der Hauptdarsteller im Film hat eine Beziehung zu seiner Braut und keine zu seinem Nachbarn. Die Beziehung zum Projektor ist dagegen von ganz anderer Art.

So ähnlich lässt sich von der Schöpfung denken. Gott schafft die Welt, wie der Projektor den ganzen Film projiziert. Der Schöpfer sorgt für das Dasein des ganzen Films auf einmal, und innerhalb des Films selbst entstehen alle möglichen Handlungen und Personen, die keinen einzigen Gedanken an den Projektor verlieren. Die Beziehung aber zwischen ihnen ist unmittelbar.
Beim heiligen Thomas kann man lesen, der Schöpfer ist seinen Geschöpfen unmittelbar und ganz unmittelbar nahe. Dennoch besteht zwischen ihnen ein unendlicher Abstand.
Denken wir an den Stein. Die Sonne ist unendlich weit entfernt. Dennoch ist sie dem Stein so unmittelbar nahe und mit ihm in Tuchfühlung, dass dieser direkt von ihr persönlich erwärmt wird.

Ein letzter Gedanke. Die Beziehung vom Projektor zum Film hängt nicht von der Handlung des Films ab. Ob er tragisch ausgeht oder mit einem glücklichen Ende. Der Projektor macht immer dasselbe, nicht mehr und nicht weniger. Die Beziehung der Helden des Films zum Projektor ist auch immer gleich. Er macht sie und gibt ihnen ihr reines Dasein. Was sie draus machen, ist davon unabhängig. Aber solange sie überhaupt eine Handlung spielen sollen, muss der Projektor laufen. Die Schöpfung dauert solange es die Geschöpfe gibt, ihre Beziehung ist und bleibt ganz eng und ganz unmittelbar.

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