Islam und Christentum, Teil 10

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Gedanken zur Menschwerdung

Was wir bisher betrachtet haben, war alles sehr kurz und schnell dahin gesagt. Ich bin auch noch nicht ganz sicher. Vielleicht sollten wir am Ende noch einmal alles durchgehen und das eine oder andere, kleine Kapitel zur näheren Erläuterung dazwischen packen. Jetzt würde ich aber gern erst einmal im gleichen Tempo weiter gehen und mit dem nächsten, großen Kapitel anfangen, nämlich der Menschwerdung des ewigen Wortes. Die Sprache der Christen nennt das die Fleischwerdung des Wortes oder dessen Menschwerdung in Christus, dem Sohn des Vaters.

Bleiben wir bei unserem Meister Thomas. In seinen Werken und seinem Denken ist die Menschwerdung das zweite, große und strikte Glaubensgeheimnis. Das bedeutet das gleiche wie wir im Fall der Dreifaltigkeit in Gott gesehen haben: Wir reden von etwas, das den Verstand des Menschen übersteigt, nämlich von Gott und seinen Entschlüssen. Auf Erden können wir sagen, wenn ein Autofahrer so weiter aufs Gas drückt und nicht langsam bremst, dann wird er aus der nächsten Kurve fliegen. Wir können das einschätzen und, wenn nötig am Schreibtisch sogar ausrechnen. Die Daten liegen vor, die Wahrscheinlichkeiten lassen sich einigermaßen bestimmen und in der Welt laufen die Dinge stabil genug, um Vorhersagen machen zu können. In der Welt geht es so zu.

Wir reden aber von Gott, und für Gott gilt immer eins: Wir können unsere Berechnungen auf ihn nicht zwingend anwenden. Gott ist kein Teil dieser Welt, und er ist an unsere Wahrscheinlichkeiten nicht gebunden. Das islamische ‚Allahu akbar‘ hat hier, wenn man so möchte, eine allgemeine Bedeutung: „Gott ist größer!“. Der Mensch hat ihn nicht in seiner Hand und kann ihn nicht in seine Tasche packen. Das höchste Wissen, schreibt Thomas, das wir von Gott haben können, ist, dass wir ihn nicht wissen. Wir wissen zwar, dass er gut ist. Wir wissen, dass er Erkenntnis hat und wir wissen gemeinsam, dass er barmherzig ist und nichts Unbarmherziges an ihm sein kann. Wir wissen auch, dass wir ruhig denken dürfen, seine Güte ist von der Art, wie wir Güte empfinden. Wir wissen ebenso, dass seine Barmherzigkeit uns niemals unbarmherzig vorkommt, solange wir das Herz am rechten Fleck haben. Wir wissen aber auch, was er uns in der Bibel hat sagen lassen: „Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege.“

In diesem Sinn hatte Thomas gesagt, die Dreifaltigkeit übersteige den Verstand aller Geschöpfe. Nun sagt er, für das Geheimnis der Menschwerdung gelte das noch viel mehr. Diese Sache übersteige den Verstand des Menschen sogar am meisten. Es kommt hier nämlich noch ein Gedanke hinzu, den ein Gläubiger immer irgendwie im Hinterkopf haben sollte. In der Bibel des Alten Testamentes gibt es hundertfünfzig Lieder und Gebete, Psalmen genannt werden. Die Priester, Nonnen und Mönche, und viele Christen sonst beten täglich mehrmals am Tag aus diesem Schatz. Ein zentraler Satz lautet: „Was ist der Mensch, o Gott, dass Du seiner gedenkst?“ Dem Sinn nach lautet der Gedanke: „Wie geht es überhaupt an, dass Du großer Gott Dich herablässt, um Dich um mich wirklich zu kümmern?“ Zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen liegt eine ganze Unendlichkeit. Auch jeder Muslim und alle Juden werden angesichts ihres Glaubens immer wieder mal zu dem Punkt kommen, wo sie nur noch staunen und sich fragen, wie kann sich der Allmächtige, der das Universum in einem Blick und alles zugleich in seiner Hand hat, es nötig haben, unser Einzelschicksal überhaupt einer gerichtlichen Betrachtung unterziehen? Wir zerdrücken eine Laus und würdigen sie keiner näheren Anschauung, und der Schöpfer soll sich einen Kopf um mein kleines Schicksal machen?

Was die Dreifaltigkeit angeht, ist es schon eine unglaubliche Würde, dass der Schöpfer den Vorhang etwas anhebt und uns ahnend in sein Innenleben schauen lässt. Jetzt kommt der noch viel unglaublichere Gedanke hinzu, dass er sich gewürdigt hat um unseretwillen als Mensch die Erde zu betreten. Das ist schier unglaublich.

Aber in der christlichen Glaubenswelt muss man sich an das Unglaubliche gewöhnen und beginnen, es glaubend anzunehmen: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie dahin gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht und das ewige Leben hat.“ Der Christ glaubt an Gott, er glaubt, was seine Heiligen und die Überlieferung über ihn sagen und er glaubt Gott, dass er durch all das immer noch zu uns spricht. Reden wir also über die Menschwerdung.

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