Islam und Christentum, Teil 5

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Kommen wir zur Sache. Ich habe schon einige Andeutungen auf das, worüber wir sprechen wollen, gemacht und aus der Bibel zitiert. Der Evangelist Johannes bringt es am Beginn seines Evangeliums auf den Punkt:
„Im Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Nichts ist ohne das Wort geworden.“ Später schreibt er im selben Kapitel das Unglaubliche: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“

Ich würde gern über Folgendes reden: Was bedeutet „Im Anfang“, was ist mit Wort in Bezug auf Gott gemeint und schließlich, was es mit der sogenannten Fleischwerdung auf sich hat.

Beginnen wir mit dem „Im Anfang“, was an sich schon eine ungewöhnliche Redewendung ist. Kaum jemand sagt im täglichen Leben, etwas sei „im Anfang“ so oder so gewesen. Wir sagen eigentlich immer „am Anfang“ oder „für den Anfang“. Dass in der Bibel „im Anfang“ steht, ist kein Unfall, auch kein Vergehen, sondern ein kleiner, möchte sagen, philosophischer Leckerbissen. „Am Anfang“, damit beschreiben wir, wenn etwas losgeht, einen Zeit- oder sonst einen Punkt eines Beginns. Ein Läufer startet am Anfang und verringert am Ende wieder seine Geschwindigkeit. „Im“ meint eher irgendwie ein in etwas sein, einen Raum oder eine längere Zeit. Im Zeitraum von so und soviel Stunden ändern Ebbe und Flut. So ist mit „im Anfang“ in der Bibel auch nicht gemeint, dass da etwas los gegangen oder gelaufen ist, sondern eher ein Zustand, etwas Bleibendes.

Ich will Dir sagen, wo die beiden Worte „im Anfang“ in der Bibel noch vorkommen. Es sind die ersten beiden Worte, die überhaupt zu finden sind, wenn Du beginnst, sie zu lesen. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ heißt es da, und es ist von der Schöpfung der Welt aus Gott die Rede.
Lass mich kurz erklären, was der heilige Thomas unter Schöpfung versteht. Gestatte mir einmal, seine etwas philosophisch klingenden Worte zu benutzen. „Schöpfung ist nichts anderes als etwas vom Nichtsein ins Sein zu überführen.“ Mit Schöpfung meinen wir für gewöhnlich einen Zeitpunkt, wo alles losging. Manche sagen, der Urknall sei der „Zeitpunkt“ der Schöpfung. Für einen Katholiken thomanischer Prägung ist das eher Unsinn, oder bestenfalls nur ein kleiner Teil des Gemeinten.

Ich übernehme wieder das Beispiel des Philosophen Robert Spaemann, der in einem Vortragt das wohl anschaulichste Beispiel gewählt hat, das des berühmten Filmapparates.

Stell Dir vor, die ganze Geschichte des Universums samt seinen Anfängen und von mir aus auch Paralleluniversen sei ein einziger Film, der von einem geheimnisvollen Projektoren an eine Wand geworfen wird. Der Film dauert Milliarden von Jahren und beginnt mit der Aufzählung der bedeutendsten Darsteller. Dann beginnt die Handlung mit dem Urknall und mit der Entwicklung der Welt. Nachdem die gesamte Geschichte gelaufen ist, hört das Universum von mir aus auf sich auszudehnen, oder es kollabiert in sich, es enden alle Bewegungen und der Abspann läuft. Der Urknall ist nicht der Beginn des Films, und der Weltuntergang ist nicht sein Ende. Der Film läuft vielmehr so lange, wie der Projektor ihn sich denkt und laufen lässt. Solle der Projektor aus irgendeinem Grund ausfallen, ist der Film nicht zu Ende, sondern er hört einfach mitten drin auf.

In unserem Bild ist Gott der Projektor. Er gibt dem Film als ganzes und jedem einzelnen Detail in ihm zugleich sein Dasein. Wenn wir jetzt vom Anfang reden, dann meinen wir nicht den Zeitpunkt des Urknalls, der ja in der Tat ein geheimnisvoller Beginn des Universums und der Zeit zu sein scheint. Wir meinen vielmehr die Tatsache, dass jedes kleine Ding im Film genau so seine Abhängigkeit vom Projektor hat, wie der gesamte Film mit seiner kompletten Handlung. Schöpfung meint die Projektion als solche. Sie dauert an, solange der Film läuft und für jeden Helden in ihm, so lange er lebt. Das etwa meint Thomas, wenn er schreibt, Schöpfung bedeute Seinsgebung; das Geben und gewähren von Dasein. Ob und wie weit sich der Projektor in die Handlung des Films einmischt, bleibt seine Sache und ist im Film nur selten eindeutig festzustellen. Das kann uns hier auch gleichgültig sein. Das Wort Anfang ist wäre missverständlich, wenn es „am Anfang“ hieße. Das würde den Urknall oder sonst einen reinen Beginn der Zeit meinen.

Schauen wir jetzt noch einmal auf das Johannesevangelium, dann meint „im Anfang“ so etwas wie die Ewigkeit Gottes. Im Anfang war das Wort bei Gott. Der Satz wird schwierig, sobald der zweite dazu kommt: Das Wort war Gott. Darüber im nächsten Kapitel. Auch da hat Thomas eine überaus interessante Meinung.

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