Das Heilige nervt schon mal, und Gott auch

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Ein thomistischer Beitrag zum Jahr der Barmherzigkeit, Teil 1

Das gerade angelaufene heilige Jahr hat einen Haken, es ist nämlich heilig, und mit der Heiligkeit tut sich der handelsübliche Christ etwas schwer. Er spricht gern drüber und führt das Wort sehr leicht im Munde. Aber wenn sie ihm zu nahe kommt, dann mag er irgendwie etwas nicht, wie wenn er einen angetrunkenen Gast auf seiner Party ertragen muss. Der ist ja ganz lieb, schön wäre aber, wenn er ein bisschen auf Abstand bleiben könnte.
Das Heilige nervt und der Heilige weiß, dass er es tut. Er kommt nämlich und bleibt, um genau das zu tun. Chesterton hat es auf den Punkt gebracht. Wenn Christus zu seinen Heiligen sagt, sie seien das Salz der Erde, dann wird nicht nur das Offensichtliche gemeint sein, dass nämlich die Heiligkeit zur Würze der Welt werden soll. Es meint auch diesen leicht beißenden Schmerz, wenn man Salz in die Wunden seiner Zeit streut.
Die Heiligkeit korrigiert, und Korrekturen tun gut aufs Ganze gesehen. Aber wer lässt sich schon gern sagen, dass vielleicht der eigen Weg ist, der einer Kehre bedarf?

So haben wir in den Kirchen kleine Mechanismen entwickelt, die den Heiligen an sich, den Lieben Gott nämlich, ein wenig auf Abstand halten. Antonius der Große hatte die Bibel den Liebesbrief Gottes an seine Welt genannt. Wir sind zweifelsohne die Geliebten, lesen aber seine Briefe nicht. Wir sprechen lieber drüber. Wir beten um geistliche Berufe und um gute Priester und Ordensleute, unser Kind soll es aber nicht sein, wenn möglich. Das würde dann doch etwas zu viel durcheinander bringen. Und wenn, dann sollte er möglichst in der Spur des Normalen wandeln. Der Heilige ist es aber gerade, der schon mal unverständlich wird und aus der Reihe tanzen muss.
Christus hat die Gebote im Wesentlichen auf zwei zusammen gestrichen und konzentriert: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst. Das sollte reichen, die beiden sollten es dann aber doch sein. Wir machen noch einmal eins daraus, indem wir sagen, Gott liebt uns über alles. Das heißt, Gott geht es ganz um uns, also reicht es doch eigentlich, wenn es auch uns nur um uns geht. Es muss also nicht immer so sehr um ihn, den Heiligen aller Heiligen gehen, die Theologie kann ruhig zur Politik werden.

Wer es unternimmt, sich mit dem Werk des Thomas zu beschäftigen, um bei ihm einmal nach dem Phänomen Barmherzigkeit zu schauen, der sollte wissen, dass er mit seiner Strategie zur Flucht vor dem Heiligen nicht weit kommt. Bei Gott persönlich werden wir irgendwann auch gebremst und zurück gepfiffen werden müssen. Der Himmel der Christen ist nunmal nicht wie das Soldatenparadies unserer muslimischen Vettern und Cousinen. Der Himmel ist im Wesentlichen ein Zusammensein mit Gott, höchst persönlich und ganz bei uns und ganz bei ihm. Auch wenn uns an dieser Information jetzt nicht gerade alles schmeckt und die Kehle herunter will: Gerade das wird der höchste, ewige Genuss sein: Der Geschmack und die Nähe des Heiligen der Heiligkeit.

Ein erster Blick in das Kapitel der Summe des Thomas zur Barmherzigkeit gibt das zunächst nicht her. Thomas bespricht erst einmal, dass grundsätzlich ein Übel im allgemeinen Sinn der Motor der Barmherzigkeit ist. Es fehlt etwas, da geht es jemandem schlecht! Das ist das Grundmotiv, dass die Tugend der Wohltat überhaupt in Gang kommt. Vorweg nehmend sei gesagt, das Kapitel über die Barmherzigkeit selbst hat nur vier kleine Unterkapitel, in denen das Heilige gar nicht sonderlich vorkommt. Bei Thomas ist es aber wie bei allen großen Kunstwerken. Sie sind eben groß, und große Sachen überschaut nur, wer einen Schritt zurück tut und auf das Ganze sieht, in seinen Grenzen eben. Im Fall der theologischen Summe des Thomas empfiehlt sich zudem, noch ein paar großzügige Schritte mehr zurück zu gehen. Dann gewahrt man nämlich, dass man vor einer riesigen Kathedrale steht. Die Summe ist ein Riesenwerk an Wissen und Denken. Man sieht nie alles, wenn man nur die Nase hineinsteckt. Im Ganzen, das sei gesagt, geht es dem Meister um Gott, weil seiner gereiften Ansicht nach am Ende alles um Gott gehen wird. Er ist der Anfang des ganzen Unternehmens Welt und er wird ihr Ziel, ihr Ende sein. Es dürfte also eher in die richtige Richtung gehen, wenn der Blick des Meditierenden anlässlich des Heiligen Jahres einmal nicht vor der Heiligkeit des Heiligen mal davon läuft.

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