Versuchung und Freiheit

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Jetzt haben wir einfach den Begriff der Versuchung eingeführt, ohne wenigstens etwas genauer zu besprechen, was damit überhaupt gemeint sein könnte. Wenn das Wort „Versuchung“ klingt, dann meint es in der Regel etwas Negatives. Das setzt natürlich voraus, dass es auch das Positive gibt, und zwar im Sinn von Gut und Ungut.

Schlechte Menschen können gute Ärzte sein, und wir könnten jetzt einen langen Vortrag einschalten, was Gut und Ungut überhaupt meint. Für einen Bankräuber ist es schlecht, wenn er eine Lungenentzündung bekommt, die ihn ans Bett fesselt. Für die Bank und deren Kunden ist es gut. Für unseren Makler ist es nützlich, wenn wir eine Versicherung gegen Blitzeinschläge abschließen. Für uns wird die dann gut, wenn irgendwann ein Blitz einschlägt und wir unsere Möbel erstattet bekommen. Schlägt er Blitz immer nur beim Nachbarn ein, haben wir nichts davon gehabt und es fragt sich am Ende, wie gut die Versicherung war.
Wir könnten jetzt lange über die Frage reden, warum „negativ“ eher schlecht und „positiv“ eher gut für uns meint. Unser Buch wird aber langsam zu dick, und deshalb schlage ich vor, diese Diskussion auf später zu verlegen.

Gehen wir lieber gleich auf die Bedeutung, die der heilige Thomas einführt. Der Mensch seiner Vorstellung ist, so lange er auf Erden lebt, im Stande eines Wanderers, dessen Marsch ein großes Ziel hat. Wer es mit Thomas zu tun bekommt, der wird sehen, dass er dieses Ziel nie aus seinen Professorenaugen verliert.
Für uns heißt „ein Kind bekommen“ einem Menschen das Leben auf der Erde ermöglichen. Es heißt, einer Existenz auf die Beine helfen, die es einmal gut haben soll, dessen Leben gelingen möge und das vielleicht selbst wieder Kinder bekommt, um die es sich kümmern kann. Unser Gelehrter würde das alles sicher nicht bestreiten. Man würde wohl auch tagelang mit ihm über alle Einzelheiten des Lebens sprechen können. Wahrscheinlich würde er uns irgendwann aber fragen, ob „Kinder bekommen“ nicht zunächst eine gute Chance bedeute, den Himmel zu bevölkern. Thomas denkt immer vom Ziel der Dinge her. Er will immer zuerst möglichst genau wissen, was wozu eigentlich gemeint war oder ist. Wenn man ihn bitten würde, einen Heißluftballon zu beschreiben, er finge nicht mit seinem Aussehen an, sondern mit der herrlichen Aussicht, in einem zu fliegen. Thomas kann nicht anfangen, ausführlicher vom Menschen zu sprechen, ohne erst in Ruhe über den Himmel zu reden.

Wenn wir hier gegen Ende kurz über die Teufel und Dämonen sprechen wollen, die Thomas meint, dann bietet sich an, die Dinge auch auf diese Spitze zu führen. Die Schlange hatte Eva nicht verführt, damit sie die unbekannte Frucht kennenlernt. Eva selbst denkt so kurz. Sie sieht, wie köstlich die Frucht doch wäre. Für die Schlange waren weder der Baum, noch das Essen interessant. Entscheidend war nur, dass sie mit ihrem Mann und allen Kindern aus dem Paradies geworfen wird. Nicht nur Thomas denkt vom Ende her. Auch Gott tut es, auch die Engel und ebenso die Feinde. Die Kirchen in unseren Breitengraden denken und sprechen eher vom Apfel her und dass es uns gelinge, gut zu essen, satt zu werden und vor allem nicht unter der Verdauung zu leiden. Deshalb kann es schon mal sein, dass es uns zu nächst etwas fremd vorkommt, wenn plötzlich einer vom Himmel spricht und von der Möglichkeit, ihn zu verfehlen. Bei Thomas ist das aber so.

„Für gewöhnlich“, schreibt er, „wird mit Versuchung“ eine Provokation zur Sünde gemeint“, und mit Sünde ist hier also weniger eine Tafel Schokolade zu viel oder ein Bier über den Durst gemeint. Sünde sagt, den Wanderer an der Herberge vorbei zu locken, dafür zu sorgen, dass er nicht ankommt und zwar, damit er in den Bergen verhungert und seine Familie nie wieder sieht.
Die Frage etwa, ob der Teufel Zugriff auf den menschlichen Willen haben kann, hat hier also auch die am tiefsten mögliche Bedeutung. Wir können ihre Antwort vorwegnehmen und ein entschiedenes Nein des Gelehrten auf den Tisch legen. Für Thomas ist und bleibt der Mensch ein freies Wesen. Da können weder Sonne, Mond und Sterne, noch Freunde und Feinde etwas ändern. Wer seinen Willen im Ziel verankert, der wird es nicht verfehlen.

Sth I-II, 79, 1, arg 2: „Tentatio solet dici provocatio ad peccandum.“

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