Die Stabilität des Ewigen

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 4

An dieser Stelle müssen wir unbedingt einem gängigen Irrtum entgegentreten, einem Irrtum, der häufig gemacht wird und der den gesamten Glauben verhagelt. Es ist der Irrtum, der sagt, auf den Schöpfer sei unter Umständen kein Verlass. Den Keim für diesen Irrtum habe ich im letzten Kapitel selbst gelegt. Deshalb machte es mich ganz unruhig, wenn ich jetzt nicht kurz drüber reden könnte.
Ich habe gesagt, Gott sei groß, seine Größe sei aber irgendwie ganz anders, nämlich ohne Grenze, wie ein Berg ohne Gipfel oder eine Fahnenstange ohne Ende. Dieses „ganz anders“ möchte ich gern besprechen, um deutlich zu machen, dass das anders nur einerseits ganz anders ist, andererseits aber ganz gleich.

Es hat in der Geschichte der Philosophie einen Mann gegeben, der zum ersten Mal das Zweifeln zur Methode gemacht hat. Er war auf der Suche nach einem Wissen, das unumstößlich sei, ein Wissen, an dem man nicht zweifeln könne. Dazu hat er alles, was sicher schien, mit dem Licht seines Zweifels beleuchtet. Wenn ich jetzt zum Beispiel sage, es sei sicher, dass ich hier auf meinem Stuhl sitze, dann könnte er mit der Frage „Und du bist sicher, dass du nicht träumst?“ alles in Frage stellen. Am Ende der Unternehmung blieb nur die berühmte Sicherheit: „Ich denke, also bin ich“. Dass er sich gerade die Gedanken machte und dass genau er es sei, der das tat, das konnte er nicht bezweifeln. Die Geschichte ist berühmt, und ein Argument konnte die Güte Gottes sein. Die Behauptung, Gott verantworte doch die Welt, Gott sei gut und das sei sicher, antwortete der Zweifel: „Und was ist, wenn bei Gott am Ende das Gute, das wir für gut halten, so gut gar nicht ist?“ Was wird sein, wenn Gott am Abend grün nennt, was wir als blau erkennen? Die Vorstellung ist schrecklich, sagt sie doch, dass nichts wirklich sicher sein kann.

Wir leben von der Stabilität unserer Welt und brauchen sie dringend. Es wäre schlimm, wenn die Sonne sich überlegen könnte, eines Morgens einfach nicht mehr aufzugehen. Es wäre schrecklich, wenn die Autos plötzlich vor uns davon führen und wenn unsere Oma, die immer so lieb war, plötzlich ganz böse zu uns ist und das gut findet. Wir brauchen die Verlässlichkeit unserer Welt unbedingt, um nicht in Angst und Schrecken zu versinken. Menschen, auf deren Laune man sich nie verlassen kann, sind schier unerträglich. Niemand will sich täglich fragen müssen, wie sein Partner denn heute gestimmt ist, wenn man nach Hause kommt. Die Frage „erwartet er uns mit der Schrotflinte oder mit einem Kuchen?“ ist schlimm.

Wenn die Gläubigen von der Güte Gottes sprechen,
dann meinen sie nicht nur die Qualität der Güte,
sondern auch ihre Verlässlichkeit.

Unsere Ansprache von der Andersartigkeit Gottes muss also dieses Anderssein nur in der Größe, nicht in der Qualität meinen. Sprechen wir von der Größe eines Berges, der einen Gipfel hat oder nicht, dann muss Größe immer Größe meinen. Reden wir von der Güte des Schöpfers, dann muss Güte immer Güte bedeuten. Es kann nicht angehen, dass das Böse plötzlich den Namen Güte bekommt.
Beim heiligen Thomas wird der Gedanke mit der Unveränderlichkeit und Einheit des Ewigen abgesichert. Wenn das Ewige wirklich ewig ist, dann kann es in sich keine Veränderungen haben. Verändern heißt etwas Neues beginnen und etwas altes zu Ende bringen. Wenn aber etwas ewig ist, dann kann das nicht sein, es wäre ja nicht ewig. Ewig heißt ja ohne Ende und was ewig ist, das ist ganz ewig oder gar nicht. Wenn wir vom ewigen Gott sprechen, dann kann in ihm nie etwas anders werden. Auf das Ewige ist absolut Verlass. Wenn Gott den Namen Güte trägt, dann ist alles an ihm Güte und alles an ihm ist immer gleich gütig. Der Gedanke der Ewigkeit des Ewigen ist also wichtig für die gesamte Religion einschließlich ihres Lebensgefühls.

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