Gott existiert in Anführungsstrichen

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 3

Dass mein Satz provozieren würde, wusste ich. Ich wusste ebenso im Vorhinein, dass er Widersprüche lostritt. Gläubige aller Sortierungen steigen auf die Palme, wenn man ihnen sagt, ihr Gott existiere nicht. Normalerweise kommt ein solcher Satz aus den Lagern der Atheisten, und dass die das sagen, ist klar. Wer nicht glaubt, dass die Welt einen Schöpfer hat, der wird sagen, Gott existiere nicht. Aber dass ein Christ das sagt, lässt aufhorchen, und genau das wollte ich. Man könnte zur Erklärung annehmen, dass da in meiner Person wieder mal einer durchdreht, wie wenn er plötzlich sagt, er sei Napoleon. Dem ist aber nicht so. Ich kann mich mit meiner Behauptung auf die größten Autoritäten meiner Zunft berufen. Der Satz, dass Gott nicht existiert, steht in der Summe des heiligen Thomas, und der wiederum hat ihn von einer der größten Autoritäten seiner Zeit, von einem Mann namens Dionysius Areopagita. Der Behauptung wird auch nicht widersprochen, was ja oft der Fall ist. In allen Fragen, die Thomas in der Summe angeht, bringt er Meinungen, die diskutiert werden und die seiner Meinung widersprechen. Er erklärt dann am Ende immer warum sie falsch sind. Hier ist es anders. Er widerspricht nicht, sondern erklärt, was an dem Satz stimmt.

Die Auflösung geht so: Dionysius und Thomas sagen, Gott existiert in sofern nicht, als er über alles existieren hinaus ist. Wörtlich heißt es in der Summe: Es ist zu sagen, dass Gott nicht so nicht existiert, wie wenn er auf keine Weise existierte, sondern weil er über alle Existenz erhaben ist. Der Gedanke ist für unser Thema sehr wichtig, deshalb habe ich es sozusagen herbei provoziert. Wenn ich auf der Straße gefragt würde, ob ich an die Existenz Gottes glaube, werde ich vermutlich „aber natürlich!“ aus der Pistole schießen und nicht mit den Spitzfindigkeiten der Philosophen um die Ecke kommen. Aber dass Gott so ganz anders ist als alles sonst, das ist ein bedeutender Gedanke, wenn wir über Schöpfung nachdenken wollen. Dass genau dieser Gedanke zu kurz kommt, führt zu vielen lähmenden und unsinnigen Diskussionen, besonders mit den sogenannten „Neuen Atheisten“, die im Übrigen alles andere als neu sind. Wären sie das, dann hätte ich große Lust, mich mit ihnen anzulegen.

Wir können unser Problem auch in anderen Worten schildern: Die Bibel nennt Schöpfer den Gott des Lebens. Somit lebt er. In der etwas genaueren Sprache müssten wir gleich, „natürlich lebt er, er lebt aber nicht ganz so, wie wir leben.“ Gott wird „der Große“ genannt. Seine Größe ist aber eine andere als jede unserer Größen. Jede Größe, die wir kennen, hat irgendwo ein Ende, wie jeder Berg irgendwann seinen Gipfel hat. Gottes Größe ist ohne Ende und Grenze. Deshalb können wir ihn uns nicht denken, ebensowenig wie wir uns einen Berg ohne Gipfel vorstellen können. Genau über diese Grenzenlosigkeit Gottes müssen wir uns unterhalten, wenn wir überhaupt sinnvoll über die Schöpfung nachdenken wollen.
Quelle:
Sth I, 12, 1, ad 3: Ad tertium dicendum quod Deus non sic dicitur non existens, quasi nullo modo sit existens, sed quia est supra omne existens….

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Ein Kommentar zu “Gott existiert in Anführungsstrichen

  1. Ah da steht das 😉

    Ich muß an dieser Stelle zugeben, daß ich die Summa, weil’s halt doch leichter geht, auf Englisch gelesen habe, wo regelmäßig (wie auch im deutschen Sprachgebrauch) „exist“ auch steht, wenn der hl. Thomas „est“ schreibt – und der hl. Thomas hätte sicher nicht „Deus non est ens, sed supra omne ens“ gesagt. Nun, Ps-Dionys kenne ich zu wenig, einem Meister Eckhard könnte man vielleicht sogar das zutrauen (vielleicht tue ich ihm auch unrecht)…

    Aber auch so wie es bei Thomas dasteht, klingt das für mich viel mehr nach „Ps-Dionys als Autorität akzeptieren und so auslegen, daß es stimmt“ als wirklich nach eigenem Sprachgebrauch. Das Thema dieses Artikels ist ein anderes, nämlich: „können geschaffene Wesen Gott schauen?“. Gegenargument: „Der geschaffene Intellekt sieht nur, was existiert, und bei Dionysius [den du doch als Autorität akzeptierst] steht irgendwo, daß Gott das nicht tut“ – es fällt mir schwer, hinter diesem Gegenargument nicht noch „hähä, jetzt hab ich dich gell“ zu lesen…

    und Thomas argumentiert: ja, können sie (mit dem Glorienlicht, siehe weiter unten). Dionysius ist daher richtig zu verstehen… wenn er sagt, daß Gott nicht existiert, dann – ich formuliere jetzt mal salopp „meint er nicht wirklich, daß Gott nicht existiert – sondern daß er nicht auf die gleiche Weise existiert wie der Rest Existierendes“; auch hier fällt es mir schwer, nicht noch ein (dem hl. Thomas freilich Unrecht tuendes) „diese Mystiker halt, und wir nüchterne Theologen müssen uns dann damit herumschlagen“ dahinter zu lesen.

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