Die Mystik und das Schweigen der Gelehrten

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Ein Thomist kann über die Erbsünde eigentlich nur die Hälfte sagen. Sie spricht vom Verlust und vom Wiedergewinnen der Gnade. Damit ist das Ganze automatisch eine Sache der Mystik, und was die angeht, schweigt der Gelehrte zwangsläufig. Vielleicht sollte ich kurz erklären, was ich hier unter Mystik verstehe.

Auf dem Feld der Religion gibt es zwei Gebiete. Das eine ist die Wissenschaft über sie und das andere ist das Erleben von ihr. Die Theologen beschreiben die Religion, die Mystiker erleben sie. Das heißt natürlich nicht, dass die Mystiker keine Theologen sein können und umgekehrt. Ich nenne nur die beiden Gebiete, die es übrigens so ziemlich überall gibt.
Im theoretischen Unterricht hören die Elektriker, wie unangenehm es ist, einen mittelschweren Stromschlag zu bekommen. Was die Lehrer nicht vermitteln können, das kann der Strom selbst den Schülern am besten beibringen, nämlich, wenn er durch sie durch fährt und sie einen gewischt bekommen. Das Wissen über eine Sache und das Erleben derselben sind zwei verschiedene Dinge. Ein Durstiger hat nicht viel davon, wenn er weiß, wie gut ein Glas Wasser schmeckt.
Die Sache ist nun die: Die Theologie kann man weitergeben, die Mystik nicht. Die hat jeder selber und ganz für sich, im trauten Zusammensein mit Gott, wenn man so will.

Wie gesagt, unser Glaube informiert uns über die Annahme, Maria, die Mutter Jesu, sei der einzige Mensch gewesen, den die Erbsünde nicht verletzt habe. Gott brauchte noch mal einen vom Elend der Welt unbeeinflussten Menschen, der seinem Plan in unverletzter Freiheit zustimmen konnte. Deshalb hat der Schöpfer sich eine Person bewahrt und zur Freude der Damenwelt ein Mädchen erwählt. Das kann man weiter sagen, man kann es diskutieren, ablehnen oder annehmen. Niemand aber kann wissen, wie es sich angefühlt haben muss, so ganz anders über diese Welt zu gehen. Niemand weiß, wie es ist, in der gleichen Weise wie die Mutter Jesu „voll der Gnade“ gewesen zu sein.
Es weiß übrigens auch niemand, wie es ist, wenn unser Nachbar auf seine Weise voll der Gnade ist. Wir haben die Gnade schon mal ein persönliches Betroffen Sein von der Anwesenheit Gottes im eigenen Leben genannt. Das eigene Leben ist aber eben immer nur das eigene Leben. Wer weiß, wie es ist, sich zu verlieben, der kann davon erzählen. Aber es kann sich für niemanden genau gleich wie für einen anderen angefühlt haben. Man sehnt sich ja in der Liebe auf geheimnisvolle Weise nach einer ganz bestimmten Person, und die ist es schließlich, die dieser einen Liebe eine innere Form gibt. Immer ist die Liebe am Werk, aber es ist dennoch etwas anderes, ob sich eine junge Dame in George Clooney oder in den Sohn des Bürgermeisters verliebt. Der eine liebt es, angeln zu gehen, der andere klettert lieber in den Bergen herum. Das sind zwei ganz verschiedene Vorlieben, und jede der beiden hat ihre innere Form, ihren ganz eigenen Geschmack.
Ein Spruch aus meiner christlichen Heimat lautet:

„Wer Gott sucht,
den hat er schon gefunden.“ 

Es klingt einigermaßen paradox, entspricht aber genau dem, was die Gläubigen schon immer wussten: Man kann sich nicht auf den Weg machen, den Herrn zu suchen, wenn der nicht zuvor unsere Nase schon auf eine seiner Spuren gestoßen hat. Man kann sich nicht in eine Person verlieben, die man in keiner Weise kennt. Man muss sie schon gesehen oder wenigstens genug von ihr gehört haben. Unsere Vorliebe braucht sozusagen immer einen Köder, und den muss jemand ausgelegt haben. Mit der Liebe insgesamt ist es immer irgendwie so, dass wir nicht mit ihr anfangen.
Nun könnte jemand sagen, es sei aber doch immer der gleiche Gott, der die Gnade schenkt. Ein Thomist der alten Schule wird mit dem klassischen Grundsatz erwidern: Es ist zwar der gleiche Gott, es ist aber immer ein jeweils anderer Mensch mit seiner ganz eigenen Veranlagung und Geschichte, und Thomas sagt, die Gnade wird immer im Maß dessen gegeben, der sie bekommt.
In der Theologie sagen wir, Christus hat am Kreuz das Problem mit der Erbschuld für uns erledigt, wenigstens, was ihre Folgen angeht. Wenn man so möchte, hat er sich damit selbst das Tor geöffnet, wieder ganz neu mit seiner Gnade bei uns einzusteigen; bei jedem  einzeln und auf die je eigene Weise. Wie er das macht, ist seine Seine Sache, und wie das jeder erlebt auch. Hier schweigt, wie gesagt, der Thomasleser.

Quelle:
Sth I, 75,5,co: Das gilt, übrigens gar nicht nur für die Gnade. Es gilt immer: „Manifestum est enim quod omne quod recipitur in aliquo, recipitur in eo per modum recipientis.“
– „Es ist offenbar, alles, was irgendwo angenommen wird, das wird auf die Weise dessen angenommen, der es nimmt.

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