Das Problem unserer Kirchen

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Ich mag Widerspruch. Das heißt nicht immer. Wenn ich bei meiner Arbeit in der Schule einem Schüler sage, er soll jetzt endlich seine Aufgabe erledigen, dann mag ich sehr oft keinen, wie Du sicher noch weißt. Aber wenn ich hier meinem Hobby nachgehe, über religiöse Dinge nachdenke, schreibe und versuche, den heiligen Thomas zu verstehen und zu erläutern, dann ist mir der Widerspruch sehr willkommen.

Wer Romane schreibt, der sitzt erst einmal alleine da. Er schreibt seine Geschichte, legt sie vor und gibt sie zur Besprechung frei. Wer aber im Internet Behauptungen aufstellt, um sie später in einem Buch zusammen zu stellen, der sollte seine Fenster öffnen. Er bekommt dann nämlich den Gegenwind gleich ins Haus gepustet, und das ist gut so, würde ich meinen. Es hält dann zwar schon mal etwas auf und macht das Werk am Ende vielleicht etwas dicker. Man hat aber über manche Kritik, mit der später ohnehin zu rechnen ist, schon mal nachgedacht und das Werk nicht ganz allein geschrieben.

Außerdem können wir hier prima den heiligen Thomas zitieren. Als er Professor wurde, gab es heftigen Gegenwind, den man gleich mal als einen heftigen Sturm bezeichnen konnte. Es ging eigentlich weniger gegen ihn persönlich. Es ging gegen den Orden, dem er beigetreten war, oder besser gesagt, gegen die Bewegung, die sein Orden mit ausgelöst hatte. Damals waren die beiden großen Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner in der Kirche aufgestanden, und wir können uns heute kaum ausmalen, was für ein Sturm damals durch die Kirche wehte. Die Bettelbrüder waren nämlich wirklich noch Bettelbrüder. Eine ganz neue Lebensform, die eine ganze Generation junger Leute in ihren Bann gezogen hatte, machte sich in der Kirche und in der ganzen Gesellschaft breit. Und wie das immer ist, wenn junge Bewegungen die Gesellschaft bewegen, empfinden die etablierten Alten sie als Landplage. Der Papst hatte sie zum Entsetzen der Konservativen anerkannt und gestützt. Man konnte die Bewegung also nicht mehr stoppen, bevor sie Eier legte. Jetzt drängten die Bettelmönche an die Universitäten und besetzten die Posten der Professoren. Ganz klar, dass die Alteingesessenen sich mit Händen und Füßen wehrten. Unter Polizeischutz mussten die Vorlesungen der Neuen gehalten werden, und Thomas, einer von ihnen, griff zur Feder. Er verfasste zwei herrliche kleine Werke, die seinen Weg als Bettelmönch und Professor auf eine Weise verteidigten, der wieder mal schwer zu widersprechen war. „Eisen schleift sich am Eisen“, zitiert er seine Bibel, und wer gegen seinen Standpunkt etwas zu sagen habe, der sei ihm herzlich willkommen. Das ist die Haltung eines selbstbewussten Mannes, der zu streiten weiß und nur darauf wartet, herausgefordert zu werden. Dieses Selbstbewusstsein habe ich nun nicht, wenn ich schreibe, ich verschanze mich lieber hinter den breiten Schultern des dicken Bettelbruders. Das mit dem Eisen aber bleibt so ewig gültig, wie es in der Bibel steht. Deshalb müssen wir kurz über einen Satz nachdenken, den unser Freund in seinem Einwand gepostet hat:

„Und das hat der Schöpfer in Kauf genommen für – ja für was eigentlich?“

Mit „das“ ist „das ganze Theater“ mit der Erbsünde, dem langen Elend auf Erden und der Erlösung in Christus gemeint, die schon mal wie eine überfällige Vertröstung ausschaut. Warum das ganze Theater? So viel Leid geschieht, so viel unerklärliches Elend, das der Herr sich in offenkundiger Seelenruhe ansieht, ohne einzugreifen. Das „am Ende wird alles gut“ des heiligen Thomas wird blass und blasser in unseren Kirchen. Gute Teile von ihnen verlegen sich schon überhaupt nicht mehr auf das Verkünden ewiger Freuden, sondern eher darauf, dass Christus uns helfe, unser jetziges Leben und die Probleme der Welt in den Griff zu bekommen. Auf unseren deutschen Versammlungen streiten wir schon lange nicht mehr über die Frage, wie wir die alte Botschaft in die neue Sprache kleiden, sondern vielmehr, wie die neue Botschaft von der irdischen Lebenshilfe auszusehen hat. Das war zur Zeit des mittelalterlichen Thomas noch ganz anders. Er verteidigt mit großem Elan das beschauliche Leben der christlichen Meditation, aus deren Freude an Gottes Himmel heraus unbedingt gepredigt und gelehrt werden müsse. Heute scheint es bei den christlichen Profis keine Freude auf den Himmel mehr zu geben und keine heilige Spannung auf ihn hin, die die Alten zu Jugendlichen machen würde. Deshalb würde ich im Blick auf den, wie gesagt, mittelalterlichen Thomas gern über zwei Versuchungen sprechen, denen wir gern erliegen und die unsere Botschaft so blass werden lassen: Dem Denken in Quantität anstelle von Qualität und dem Vergessen der Herrlichkeit des Herrlichen. Also dann, machen wir uns ans Werk, meine Liebe…

Quelle:
De perf. spir. vit. 26, Schluss: „Si quidam vero contra haec rescribere voluerint, mihi acceptissimum erit. Nullo enim modo melius quam contradicentibus resistendo, aperitur veritas et falsitas confutatur, secundum illud Salomonis: ferrum ferro acuitur, et homo exacuit faciem amici sui.“

– „Wenn jemand gegen das hier Gesagte anschreiben will, sei er mir herzlich willkommen. Wahrheit und Irrtum werden nämlich nirgends besser offenbar als im Widerstand gegen Einsprüche, gemäß den Sprüchen Salomos (Spr 27,17): Eisen wird am Eisen geschliffen; so schleift einer den Charakter des andern.“

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5 Kommentare zu “Das Problem unserer Kirchen

  1. Ich finde, Lebenshilfe klingt immer so banal. Wie ein Ratgeber. Ich glaube, es ist (dir) klar, dass ich das nun wirklich banal meine. Die Schrecken, die mir vor Augen stehen und die diese Welt in Scharen bereit hält, ist mit irgendeiner Lebenshilfe jedenfalls nicht beizukommen. Das eigentlich nur als Randnotiz. Danke für deine Würdigung, indem du auf mein Gestammel eingehst! Wie hieß es mal so schön: Cor unum! (Oder bring ich das jetzt durcheinander?)

  2. Oh Mann, wir sollten, ganz neben unserer Debatte, die mir allein schon viel bedeutet, unseren alten Car-unum-Club irgendwie wieder beleben. Mir fehlt da echt was.
    Dein Einwand bringt mich gar nicht durcheinander. Im Gegenteil, ich kann ihn vielleicht sogar just in jenem Kapitel verwursten, das ich gerade schreibe. ich meine von Stammler zu Stammler sozusagen. 😉

  3. Muss ehrlich sagen, mir fehlt da auch etwas. Hab seitdem nicht wieder einen solchen Geist angetroffen, wenn man das so sagen kann. So jetzt muss ich aber weiter, den nächsten Artikel lesen. 😉

  4. Der eine Gottesbeweis, der den modernen Menschen (das sind nicht unbedingt jederzeit alle Menschen von heute, sondern ich meine den stereotyp modernen Menschen) wirklich nichts mehr sagt – also nichts mit dem Unsinn zu tun hat, Gottesbeweise seien falsch, weil sie Gottesbeweise seien, willst du etwa behaupten, man könne Gott beweisen, usw. …

    daß der hl. Thomas aus der Schönheit der Welt auf die Existenz Gottes schließt (also die Nr. 5 im zumindest landläufigen Verständnis).

    Der moderne Mensch muß erst an Gott glauben; dann erst wird er sich erlauben, die Welt für doch ganz schön zu halten.

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