Vom Paradies, das noch aussteht

bildschirmfoto-2015-03-29-um-12-44-14

Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Nun ist es so: Wer in eine Welt hinein geboren wird, die eine Macke hat und deshalb selbst gleich eine abbekommt, dem kann man das nicht vorwerfen. Ärger gibt es gerechterweise immer nur, wenn man verschuldet hat, was nicht in Ordnung ist. So ist es mit unserer Vorstellung von der Erbsünde. Wir haben alle eine Macke und können nichts dazu. Die Macke gibt es aber. Wenn das Baby eines süchtigen Menschen mit einer Sucht zur Welt kommt, hat es ein Problem, aber keine Schuld.

An der Stelle in der Summe, wo Thomas sich die Frage stellt, wie die Macke der Erbschuld denn weiter gegeben wird, antwortet er mit einem interessanten Gedanken. Er sagt, man könne, und müsse wohl auch, die Menschen wie eine, heute würden wir sagen, Menschheitsfamilie betrachten. Ein Fehler am Kopf bedeutet einen Fehler an allen Gliedern. Ich gebe zu, das erklärt nicht viel, beschreibt die Sache aber, wie er sie sieht.
Nebenbei gesagt würde ich meinen, man kann die Sache mit der Erbsünde gar nicht erklären. Zwei Sachen kann man wohl feststellen. Die eine alle, die anderen vermutlich nur die Gläubigen. Alle können feststellen, dass die Welt nicht gerade ein Paradies ist, und die Christen, dass sie eigentlich eins sein sollte. Die Geschichte, die von den Christen geglaubt wird, hat das mit dem Paradies schließlich zum Gegenstand. Wer den Glauben an den großen Vollkommenen nicht hat, der braucht auch nicht glauben, dass die Welt eigentlich viel vollkommener hätte sein sollen. Ohne Gott hätte sich die Welt einfach so entwickelt. Der Mensch wäre zwar immer noch ein ziemlicher Schmutzfink, aber auch er wäre ein Produkt seiner Entwicklung. Und wer will dem Produkt einer Entwicklung seine Entwicklung vorwerfen? Die gesamte Erbschuldfrage wird die Ungläubigen vermutlich entweder nicht interessieren, oder sonst wie an ihrem Denken vorbeigehen. Aber ich bin ja angetreten, meinen Glauben zu beschreiben, und zu dem gehört die Problematik sehr wohl und sehr zentral.

Wenn übrigens hier vom Paradies die Rede ist, dann meine ich nicht eins, was sich die Muslime nach dem Tod erhoffen. Ich meine auch nicht das, was im ersten Buch der Bibel steht, und aus dem Adam und Eva dort geflogen sind. Ich meine ein weitaus unbekannteres, von dem der Prophet Jesaja kurz erzählt. Diese Paradiesgeschichte wird in unseren Gottesdiensten immer an einem bestimmten Punkt im Jahr vorgelesen. Es ist der besondere Punkt einer besonderen Sehnsucht, nämlich im Advent. Wir treffen uns in den Kirchen, wenn es draußen noch dunkel ist und die alte Hoffnung unserer jüdischen Väter wird besungen, die sich nach dem Kommen des Messias sehnten. Es wird die zarte, gerechte und friedliche Ordnung Gottes beschrieben und ein feierliches Lied von „seinem heiligen Berg“ heraufbeschworen:

Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor,
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm:
der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.
[Er erfüllt ihn mit dem Geist der Gottesfurcht.]
Er richtet nicht nach dem Augenschein
und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er,
sondern er richtet die Hilflosen gerecht
und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen / mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen
mit dem Hauch seines Mundes.
Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften,
Treue der Gürtel um seinen Leib.

Dann wohnt der Wolf beim Lamm,
der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen,
ein kleiner Knabe kann sie hüten.
Kuh und Bärin freunden sich an, / ihre Jungen liegen beieinander.
Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter,
das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
Man tut nichts Böses mehr / und begeht kein Verbrechen
auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn,
so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist. (Jes 11)

Das alte Paradies mit Adam und Eva ist vergangen. Die Erde ist durcheinander geraten. Das Volk Gottes leidet und hat Sehnsucht nach Erlösung. In diese Erlösung hinein spricht der Prophet im Namen des Herrn vom Paradies, das es wieder geben soll, für alle, die wollen. Aber dass die Welt und wir in ihr einen Webfehler im Muster haben, das steht in meinem Denken außer Zweifel. Und wie der Fehler aussieht, das sollten wir uns anschauen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s