Die Fremdheit des Himmels

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Dass Jesu Mutter auf Erden vielleicht als Langweiler galt, ist ein privater Gedanke von mir, er kann auch nur halb wahr sein. Die großen, alten Kirchen verehren die Mutter wie aus einem Mund mit tiefster, ungespielter Freude und Feierlichkeit als das allerschönste Geschöpf, das je über diese Erde gelaufen ist, und die Marienverehrung ist so alt wie die Kirche selber. Die Mutter ohne eine Erklärung einen Langweiler zu nennen, könnte zu Recht einen gewissen Anstoß erregen und bei den eifrigen Muslimen, die sie schließlich auch verehren, ziemlichen Ärger bedeuten. Im Ernst, es muss wunderbar gewesen sein, der Mutter Jesu zu begegnen, aber, wie gesagt, zum Pferde stehlen war sie nicht zu bewegen. Vielleicht sollte ich mein „langweilig“ in „unverständlich“ umbenennen.
Ich stehe ganz sicher nicht auf der himmlischen Liste der Marienerscheinungen und würde mich, ehrlich gesagt, auch lieber davon schleichen, und um mich heraus stehlen zu können, die Adressen von Leuten vorschlagen, bei denen eine Erscheinung weitaus interessanter und gewinnbringender wäre. Ich habe noch nie verstehen können, wie eine bestimmte Sorte Glaubensbrüder sich eine solche Begegnung wünschen oder gar herbeisehnen können. Um ehrlich zu sein halte ich die Begegnung des Himmels mit der Erde eher für so etwas wie eine einigermaßen furchterregende Angelegenheit. Wenn der Himmel in unser Leben tritt, dann kommt immer gleich das Gericht. Deshalb ist wohl auch das „fürchte dich nicht!“ das erste, was die Menschen hören, wenn der Himmel kommt. Das muss allerdings gar keine besonders feierliche Angelegenheit sein. Es müssen gar keine Ankläger auftreten und mit den Stäben von Zeremonienmeistern auf den Boden stampfen, um das Auftreten hoher Herrschaften anzukündigen. Zum Gericht muss einfach nur eine bestimmte Lampe angehen, in der man sich  ganz und gar erkennt, als das, was man ist, als das, was man will und als das, was aus einem wurde. Gericht bedeutet, im Licht Gottes der eigenen Wahrheit begegnen. Ungeschminkt die Wahrheit zu zeigen, das ist die Aufgabe aller Gerichte, und im Licht der reinen Schönheit sieht man seine Runzeln. Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Der väterlichen Liebe Gottes begegnen muss uns keine Angst machen, im Gegenteil. Man begegnet da allerdings auch immer der absoluten Mächtigkeit, der unendlichen Weite und dem ebenso unendlichen alles in der Hand Haben.
Ich bin also ganz sicher kein Kandidat für irgendwelche himmlischen Sonderleistungen, aber wenn mir die Mutter begegnete, dann würde ich gern eine Frage mit ihr besprechen: Wie ist das gewesen, als Mensch ohne Makel in der Welt der Menschen zu leben? Ich vermute nämlich, dass zwischen unserer Welt und der ihren ein geradezu unüberwindliches Missverstehen herrscht. Mein Bruder hat mir in einem Anflug von Kummer zum Trost einmal gesagt, Menschen, die immer auf Geld aus seien, könnten nicht verstehen, wie es ist, es nicht zu sein, und Menschen, die immer Sex im Kopf hätten, könnten nicht wissen, wie es sich anfühlt, frei davon zu sein. Ich glaube, das ist so, und im gleichen Sinn wissen die Sünder nicht, wie es ist, ohne zu sein und die Freien wissen nicht, wie es sich anfühlt, in Ketten zu liegen. Raucher, die vor der schweren Aufgabe stehen, sich das Rauchen abzugewöhnen, meinen schon mal, das Leben ohne ihre gewohnte Zigarette sei irgendwie gar kein Leben mehr.

Mein Gedanke beschreibt übrigens eine große Schwierigkeit, mit der die christliche Religion seit ihrem Bestehen zu kämpfen hat: Es ist dem Wünschen und Sehnen der Menschen zunächst einmal eher fremd. Der Mensch hat nunmal lieber den Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach und der Islam hat es da deutlich leichter. Mohammed hat eine Soldatenreligion gegründet. Das Paradies, das er verspricht gleicht dem typischen Lohn für Krieger, die fremde Städte einzunehmen haben. Entspannte Ruhe, schweren Wein, leichte, süße Trauben und jede Menge Frauen. Jeder Soldat muss sich da angesprochen fühlen und drauf anspringen. Das Paradies der Muslime ist ein Soldatenparadies. Naheliegende Wünsche, die unmittelbar die fünf Sinne befriedigen. Das Leben im LebParadies des Islam kommt ganz gut ohne Gott aus. Von den Leuten, die ich in dieser Sache gefragt habe, meinten zwar manche, sie und besonders die Märtyrer würden Gott dort sehen können. Manche sagten so, manche so. Gott selbst gehört aber nicht wesentlich zum Paradies, wie der Erbauer eines Spielplatzes auch nicht unbedingt auf dem Platz sein muss, damit drauf gespielt werden kann.
Der christliche Himmel stellt da etwas ganz anderes in Aussicht. Es gibt dort wohl auch paradiesischen Zustände in einer neuen, körperlichen Welt. Der Himmel verspricht aber gerade und vor allem ein Zusammensein mit Gott, so sehr nämlich, dass wir ihm etwas ähnlicher gemacht werden müssen, um ihn überhaupt wirklich schauen zu können. Das ist die größte aller Aussichten, sie birgt aber auch diesen geheimnisvollen Schauder des zu Großen für uns und die Süßigkeit der Taube auf dem Dach, die der Spatz nicht hat, den wir in der Hand halten.

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