Verschiedene Standards

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Was alle haben, das wird zum Standard, und über Standards wird in der Regel nicht viel gesprochen. Dass alle Menschen zwei Beine haben ist Standard. Über die Zahl unserer Gliedmaßen für immer nur dann gesprochen, wenn jemand eins zu viel hat oder wenn einem eins fehlt. Wohin man geht oder nicht gehen will, darüber wird natürlich immer geredet. Aber dass man überhaupt geht, oder warum gerade mit zwei und nicht mit vier Beinen, wird kaum ein Thema.
Wenn irgendwo ein Mensch mit Flügeln zur Welt kommt, dann fragen sich plötzlich alle, wie es sein kann, dass jemand mit dem Erbgut der Menschen Flügel bekommen konnte. Irgendwo muss da etwas von außen eingedrungen sein. Normalerweise hat der Mensch ja nichts, um abzuheben. Der Standard wird also interessant, wenn er irgendwo durchbrochen wurde.
Wir haben angedeutet, dass es einmal zwei Menschen gegeben hat, die keine Sünde kannten, was immer das auch sein mag. Vielleicht hat der Schöpfer deshalb mit dem Sohn und seiner Mutter eine Ausnahme in die Welt gestellt, damit wir über den Standard reden. Wenn jemand keine Sünde kennt, dann ist das eine Ausnahme, die mehr auffällt, wie wenn jemand plötzlich fliegen kann.
Unser Fall mit der Mutter hat allerdings eine besondere Wendung. Hier sollte gezeigt werden, dass der Standard eigentlich nie als Standard vorgesehen war. Irgendwo ist jemand mit Flügeln geboren, um uns auszurichten, dass wir alle eigentlich Flügel hätten haben sollen. Der Mensch ohne war immer ein Notbehelf, der auf einem Mangel beruht, den eigentlich niemand hätte haben sollen.

Hier muss ein Gedanke hinzu kommen. Wir haben die Neigung, den Standard nicht nur für normal, sondern auch für das Beste zu halten. In einem Volk, in dem alle gewohnt sind, sich mit Schimpfwörtern anzuschreien, wird Dir ohne weiteres an allen Ecken erklärt, was für eine Errungenschaft das sei. Wenn Du dann sagst, wie schrecklich Du das findest, dann wird Dir ein Besuch beim Arzt empfohlen.
Dir wird mit der Zeit auffallen, je schlimmer es in der Welt zugeht, desto lauter werden die Stimmen, wie wunderbar wir gerade dabei sind, sie endgültig zu verschönern. Der Mensch hat offenbar eine starke Tendenz, sich seine Sachen schön zu reden, vielleicht, um es überhaupt mit sich und ihr auszuhalten. Wenn dann einer auftaucht, der wie von Zauberhand mit dem ganzen Elend nichts zu tun hat, der ist entweder ein Störenfried oder ein Langweiler. Im Fall von Christus wissen wir sehr wohl, dass er ziemlich gestört hat, im Fall seiner Mutter habe ich den Verdacht, sie galt als notorische Langweilerin. Wer gar nicht klaut, der stiehlt auch keine Pferde. Auf jeden Fall waren beide nicht das, was man gern „einer von uns“ nennt, bis heute nicht. Es heißt immer, Christus musste sterben, weil er sagte, er sei Gottes Sohn. Das stimmt wohl, die Anklage lautete so. Wir werden aber dazu sagen können, das Feuer wurde nicht nur wegen dieses Anspruchs gelegt, sondern besonders auch wegen der Sachen, die er als der Sohn sagte, nämlich, dass die ganze Generation auf dem Holzweg war. Er sagte seinen Schülern, sie seien das Licht für die Welt. Es wurde aber von Beginn an ein Licht, das schrecklich blenden sollte und den Leuten die Augen verbrennen würde. Wer heute mit der Rede von der Erbsünde daher kommt, der muss damit rechnen, dass ihm bei uns die Torten ins Gesicht fliegen und an anderen Orten noch ganz andere Dinge.
Der Auftrag des Predigers ist also ein doppelter. Wenn er auch nur halbwegs dem Anspruch seines Herrn gerecht werden will, dann muss er verkünden, dass die Standards so gut gar nicht sind, wie wir sie uns malen möchten. Zum zweiten muss er eine Einladung im Namen dessen aussprechen, der gerade ausgeladen wurde.
In den Kirchen hört man gern, Gott habe uns alle sehr lieb und er würde uns immer da abholen, wo wir stehen. Da ist sicher nichts gegen zu sagen. Nur ist zu bedenken, dass man jemanden wohl immer nur dann abholen möchte, um ihn an einen anderen Ort zu führen. Seit den Zeiten des Petrus ist vom Brückenbauer die Rede. Brücken sind wohl aber nicht dazu da, dass man auf ihnen wohnt, sondern dass man auf ihnen an ein neues Ufer gelange. Der Prediger im Sinne seines Herrn hat kein leichtes Los. Aber das gehört zum Handwerk, auch dessen, der schreibt.

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