Die Sünde im finsteren Mittelalter

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Ich gehe jetzt zurück zu meinem Lehrer Thomas sozusagen. Was die Würde angeht, habe ich es schon gesagt. Wir können den modernen Begriff der Menschenwürde nicht von Thomas ableiten, ohne Klimmzüge zu machen, die nicht nötig sind. Thomas lebte im Mittelalter und er schrieb mittelalterlich, daran ist nichts zu deuten. Dass man bei uns das Mittelalter immer schlecht macht, primitiv redet und herunter redet, das ist unsere Dummheit. Jede Zeit findet primitiv, was war, um in Ruhe gut finden zu können, was ist. Alle lachen gern über die Leute aus vergangenen Zeiten und vergessen dabei, wie man sich später über sie selbst lustig machen wird.
Mir ist einiges klar geworden, als ich mir einmal alte Höhlenzeichnungen aus der Steinzeit länger ansah, als man es für gewöhnlich tut. Ich habe entdeckt, dass das gar keine primitiven Bildchen waren, wie wir sie von kleinen Kindern kennen. Schau mal genau hin: Das ist zum Teil Kunst von der Güte eines Picasso! Die Steinzeitmenschen hatten Faustkeile und Keulen, sie kannten keinen Rührstab und konnten keine Rolltreppen bauen. Aber Bilder der allerersten Güte malen, das konten sie sehr wohl. Wer sagt uns, dass sie nicht ebenso Gedichte konnten, die wir nur all zu gern hören würden?
Weißt Du, es gibt Gebiete, auf denen die Kulturen wirkliche Fortschritte machen. Es gibt allerdings auch Gebiete, in denen jeder einzeln reifen muss. Wer heute ein guter Fußballer werden will, der muss genau so lange üben wie ein Junge aus der Steinzeit, und keiner kann ohne Blamage sagen, dass ein Steinzeitjunge am Ende nicht mindestens genau so gut werden konnte, wie Maradonna oder Arthur Friedenreich? Es gibt also Gebiete, auf denen jeder einzeln reifen muss. Es gibt auch Gebiete, auf denen jede Generation zu reifen hat. Deshalb ist es ziemlich dumm zu sagen, das Mittelalter sei dumm gewesen.
Was also die Würde anging, konnte ich nicht gut auf Thomas zurück greifen. Die ersten Gedanken dazu kamen erst einige Generationen später, weil dazu erst der Gedanke und das Konzept der menschlichen Person entwickelt werden musste.
Das Mittelalter unseres Abendlandes dachte, wie wir gesehen haben, wohl auch über die menschliche Würde nach. Sie dachte sie allerdings von Gott her und von Gott herab, wenn man so möchte. Gott hatte den Menschen gewürdigt, in dem er sich überhaupt mit ihm befasste, Gott hatte den Menschen gewürdigt, in dem er ihm die zerbrechlichen Güter der Freiheit und Schönheit verlieh. Gott hatte den Menschen schließlich über die Maßen gewürdigt, in dem er ihn persönlich erlöste und ihm Anteil an seinem Reich geben wollte.

Wenn wir das Thema mit der Sünde gut mittelalterlich angehen wollen, dann sollten wir es von hier her ansteuern. Dass wir heute kaum noch ensthaft über die Sünde reden können, kommt nicht aus kommt nicht aus der Zeit des heiligen Thomas, sondern verdankt sich gewissen Dummheiten und Streitereien der Neuzeit.
Bei Thomas jedenfalls ist die Sünde zunächst eine Sache, die vor allem gegen die Freiheit, die Schönheit, gegen die Würde und immer gegen die Klugheit und den gesunden Menschenverstand vorrückt.
Wenn jemand im thomanischen Sinn seinem Kind wünscht, dass es kein notorischer Sünder werde, dann ist das eher gemeint, wie wenn ein Vater sich für sein Töchterlein einen Partner wünscht, der es gut mit ihm meint, der es leben und sich entfalten lässt. Wenn man heute hört, ein Paar wolle nicht, dass die Tochter oder der Sohn in die Sünde falle, dann denkt man gleich entweder an irgendwelche blöden Bettgeschichten oder an brave, graue Mäuse, die sie aus Verklemmtheit lieber lassen.
Die Sünde war immer schon eine ernste Angelegenheit. Es ist aber ein Unterschied, ob man meint, es sei ernst, wenn man seine innere Harmonie verliert, seinen Charakter einbüßt, auf dem Holzweg marschiert, oder ob man an spießbürgerliche Bravheiten denkt. Der Spießbürger ist eine Erfindung der Neuzeit und ohne die Reformation und den Biedermeier nicht denkbar. Im Mittelalter waren die Spießbürger Leute, die in Häusern überm Wasser auf Pfählen wohnten.

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