Würde und Schöpfung

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Man vermutet eine große Würde bei Leuten, um die viel Aufhebens gemacht wird. Wenn im Dorf ein Kind von den Eltern mit dem Fahrrad zur Schule gebracht wird, dann wundert sich kaum jemand. Wenn aber ein Kind von einem Chauffeur und fünf Begleitern in Uniform abgeladen wird, dann vermuten alle, das Kind muss etwas ganz Besonderes sein.

Kritiker meiner Religion wenden schon mal ein, es sei vermessen zu glauben, ein Gott lasse sich im Wüstenstaub irgendeiner abgelegenen Provinz auf einem nebensächlichen Planeten, in einer nichtssagenden Galaxie in einem Universum kreuzigen, das unter Umständen tausende von Paralleluniversen habe. Mit anderen Worten, der zum Verschwinden kleine Mensch solle sich doch nicht einbilden so etwas wie die Krone der Schöpfung zu sein. Das sei angesichts der Forschung, die wir betreiben,  schlicht lächerlich zu nennen. Darauf ist mit einem Gedanken zu erwidern.

Die Kritiker kommen sich vermutlich auch etwas schlauer vor als sie sind. Sie sind offenbar nicht imstande das zu denken, was wir meinen, wenn wir Gott sagen. Zugegeben, es ist nicht immer leicht aufzuhören, von sich auf andere zu schließen. Wir sind gewohnt, immer alles von knappen Mitteln aus zu denken. Wann immer wir etwas bauen, sind wir gewohnt zu ahnen, dass vielleicht nicht genug Steine da sind, dass die Bretter nicht reichen oder der Mörtel ausgeht. Und wenn alle Mittel da sind, dann reichen die Kräfte am Ende nicht oder die Lebenszeit läuft aus, der Vorhang fällt mitten im Stück. So zu denken sind wir gewohnt. Aber wenn wir an Gott denken, dann müssen wir das aufgeben. Gott ist der Schöpfer, und der hat – wenn es ihn überhaupt gibt, dann muss es so sein – keinerlei Grenzen. Ihm geht keine Kraft aus, weil er keine braucht. Er muss nicht prusten und stöhnen, wenn er schwere Dinge zu heben hat. Er muss nicht mal irgendwo zupacken. Es reicht, dass er etwas will und schon ist es da, ohne jede Verzögerung. Dabei ist auch ganz egal, ob er eine Laus ins Leben ruft oder ein ganzes Universum. Wenn das Kleine keine Kraft kostet, dann das Große auch nicht. Wenn er ohne Grenze alles zugleich sehen kann, dann macht es keinen Unterschied, ob er ein Wasserstoffatom beobachtet oder die gesamte Milchstraße zugleich mit dazu. Die Zahlen werden beim Zählen größer, es gibt aber keine Grenze für irgendwelche Speicher, die voll werden könnten. Es ist egal, wie lange gezählt wird, nichts wird alt, nichts wird schlapp und müde werden existiert nicht. Da ist es ganz egal, ob etwas groß oder klein ist. Es gibt keinen Maßstab, der so etwas wie Bedeutung mit Größen oder Mengen zusammen rechnen muss. Ein kleines Kind in einer Krippe irgendwo ist von genau so großer Liebenswürdigkeit und Bedeutung wie die gesamte Menschheit auf einmal.

Wahre Größe wird nicht in Metern gemessen.

Deshalb hat das Kind, das mit dem Rad gebracht wird, keine kleinere Würde wie sein kleiner Kollege mit dem Personal jeden Morgen, nicht jedenfalls, wenn der Maßstab der Schöpfung angelegt wird. Da gibt es nur einen wirklichen Unterschied, nämlich den zwischen allen Geschöpfen und dem einen Schöpfer. Dass ein ganzes Universum aufgezogen wird, damit einem einzigen Baby gehuldigt werden kann, erscheint nur dem unmöglich, der aus den Maßstäben des gewohnten Mangels nicht heraus denken kann. Aber nichts für ungut, Mantha, lass die Leute ihre Lieder singen, wir singen das unsrige ja auch.

Aber: Auch die Maßstäbe unserer kleinen Welt haben ihre volle Gültigkeit. Wir haben ja gesehen, dass selbst Gott mit uns in unserer Sprache reden muss, wenn er möchte, dass wir ihn verstehen. In einem solchen Maßstab rief eines Tages der heilige Hironymus, was für eine Würde der Mensch doch haben muss, wenn jedem einzelnen von Gott her ein erhabener Schutzengel an die Seite gestellt wird.

Quellen:
Sth I, 113, 2, sc: „Sed contra est quod Hieronymus, exponens illud Matth. XVIII, Angeli eorum in caelis, dicit, magna est dignitas animarum, ut unaquaeque habeat, ab ortu nativitatis, in custodiam sui Angelum delegatum.“
– „…Hieronymus…sagt…groß ist die Würde der Weelen, da jede einzelne vom Ursprung seiner Geburt an einen Engel zum Schutz an die Seite gesandt bekommt.“

Sth III, 1, 1, ad 4Deus autem non mole, sed virtute magnus est, unde magnitudo virtutis eius nullas in angusto sentit angustias.
 Thomas zitiert Augustinus: „Gott ist nicht dem Umfang, sondern dem Vermögen nach groß, deshalb empfindet die Größe seiner Kraft in der Kleinheit auch keine Enge.

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4 Kommentare zu “Würde und Schöpfung

  1. Oh, freut mich. Gerade heute war ich nicht sicher. Hab das Kapitel nämlich gestern in einerm Anflug von halbgarem Zorn eher dahin geworfen. Wollte es wegen Polemik schon fast wieder löschen. Aber jetzt bleibts drin, Danke Dir!

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