Menschenwürde

bildschirmfoto-2015-03-29-um-12-44-14

Nachdem ich ein paar Tage nachgedacht habe, bin ich zu einem Entschluss gekommen: Obwohl ich versprochen habe, ein Buch über die Engel zu schreiben, werde ich ein paar Kapitel über die Menschenwürde einfügen. Das klingt auf den ersten Blick etwas verrückt, wie wenn einer zusagt, über Krokodile zu schreiben und Kapitel über Nashörner einschiebt.
Aber was auf den ersten Blick paradox scheint, das kann auf den zweiten sehr sinnvoll sein. Engel haben zum Beispiel keine Menschenwürde, sie sind ja keine Menschen. Wenn, dann haben Engel Engelwürde, und die ist zwar auch eine Würde, aber eben eine andere, nämlich eine, die man zum nicht antasten kann. Die Menschenwürde ist ein verletzliches Gut, die Engelwürde nicht. Die Engelwürde ist so unberührbar, wie die Engel selbst unberührbar sind.
Die Engelwürde ist uns eher unbekannt, weil wir gewohnt sind, jede Würde als ein verletzbares und schützenswertes Gut zu betrachten. Im Fall der Engelwürde sprechen wir von etwas, was uns nicht genug geläufig ist. Wer über etwas Unbekanntes sprechen will, der muss mit etwas Bekanntem anfangen. Wir tun das oft. „Es schmeckt wie Schokolade, nur etwas bitter“, sagen wir, wenn wir einen unbekannten Geschmack mit Hilfe eines bekannten umschreiben wollen.

Wir sind schon mitten im Thema, aber ich würde vorschlagen, einen Schritt zurück zu gehen und erst einmal über die Sache an sich zu reden. Mit der Würde ist es nämlich so eine Wissenschaft für sich: Man kann sie nicht richtig fassen. Wenn wir Würde, jetzt allgemein gesehen, beschreiben wollen, dann rinnt sie uns immer wie Sand durch die Finger. Aber drüber sprechen können wir doch.
Im Vorwort unseres Grundgesetzes steht ein wichtiger Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das scheint meiner Behauptung zu widersprechen: Ist sie unantastbar, so dass man sie gar nicht antasten kann, oder ist sie unantastbar in dem Sinn, dass man sie nicht antasten darf? Wir werden diese Frage nicht ganz klären können. Wir werden letztendlich aber doch zu dem Schluss kommen, dass ein Mensch auch dann seine Würde noch hat, wenn er, sagen wir, zum Armen, zum Bettler wird. Der nächstbeste Flüchtling, der keine saubere Wäsche mehr am Leib hat und alles hinter sich lassen musste, der kann in seiner Heimat ein berühmter Opernsänger, ein Schönheitschirurg oder ein Prinz gewesen sein. Er hat diese unantastbare Würde seines Berufes noch. Es fehlen ihm aber die Mittel, sie darzustellen. Ein Prinz in Bettelkleidung hört nicht auf ein Prinz zu sein, nur weil ihm seine Gewänder fehlen. Die Würde ist also etwas, was man sichtbar machen kann, was aber nicht unbedingt sichtbar sein muss.

Vielleicht ist Dir aufgefallen, dass ich oben beiläufig von der Würde eines Berufes geschrieben habe. Die gibt es. Polizisten haben ihre Würde, und ihre Uniform soll sie darstellen. Richter haben ihre Würde, und auch sie haben ihre besondere Kleidung, um ihrem „Amt und Würden“ den nötigen Nachdruck zu verleihen. Priester werden „Hochwürden“ genannt, weil sie mit ihrer Weihe die Würde des Priesteramtes bekommen haben. Auch sie haben ihre Kleidung, die das darstellt. Es gibt also die Würde bestimmter Berufsstände, und jeder hat seine, kein Beruf hat keine. Mit der Menschenwürde ist das etwas anders, die hat man auch ohne Beruf. Die Menschenwürde hat jeder Mensch, allein, weil er ein Mensch hat, und wir sagen, jeder Mensch hat allein durch sein Menschsein ein Recht, dass seine Würde geachtet werde.
Übrigens: Dass jeder Mensch seine Menschenwürde hat, das wird nicht überall eingesehen, wie man sich leicht vorstellen kann. Wer Menschen als Sklaven halten will, der kann nicht gut von einer allgemeinen Menschenwürde sprechen. Es gibt religiöse und politische Systeme, die nicht sagen können, dass Männer und Frauen und die Menschen aller Klassen und Länder die selbe, hohe Würde haben. In manchen Systemen steht der Mann in seiner Würde über der Frau, was wir bei uns nicht durchgehen lassen. Wir sprechen hier von einer Überzeugung, die unserer Auffassung nach für alle gilt. Es kann aber sein, dass uns die Leute in China oder Indonesien etwas ganz anderes sagen. Wir sind dann erstaunt bis entrüstet, müssen es aber zur Kenntnis nehmen. Wir hätten gern, dass alle Menschen einsehen, was wir für eine wichtige Errungenschaft halten. Die Menschenwürde ist aber eine Sache, deren Anerkennung man nicht erzwingen kann. Man muss sie freiwillig anerkennen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s