Ideen im Kopf

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Ich fürchte, in den folgenden Kapiteln müssen wir hin und wieder im Nebel spazieren gehen. Wir haben nämlich von Dingen zu sprechen, von denen niemand weiß, wie sie anfangen und aufhören. Aber das ist oft so, es ist uns nur nicht bewusst.
Hast Du schon mal das Ende eines Regenbogens gesucht? Als Kinder haben wir das einmal getan. Ein wunderschön kräftiger und bunter Bogen stand sozusagen mit seinem dicken Ende mitten auf einer Wiese. Wir merkten uns die Stelle, eilten mit dem Fahrrad hin und liefen über das Gras, bis wir sicher waren, genau an der Stelle zu stehen, die wir uns gemerkt hatten. Der leichte Regen fiel still auf unsere Köpfe nieder, die Sonne schien aus allen Knopflöchern, der Regenbogen musste eigentlich auch noch da sein, genau hier. Aber als wir da standen, war da nichts weiter als das Licht und der Regen. Irgendwie war uns, wie wenn das Ende des Regenbogens sich vor uns auflöste, je näher wir ihm kamen.

Viele Dinge sind so. In der Mitte haben wir sie fest in der Hand, ihr Anfang und ihr Ende aber laufen vor uns davon oder lösen sich irgendwie auf. Beim Hunger haben  wird das schon mal gesehen. Unser Hunger ist immer mindestens etwas älter, als unser Wissen, dass wir ihn haben. Dass wir hungrig sind, wissen wir, aber niemand weiß genau, wann sein Hunger angefangen und was sich da getan hat.
Jeder kennt das handelsübliche Wasser. Aus dem Chemieunterricht wissen wir, es ist aus zwei Elementen zusammengesetzt, im Mischungsverhältnis eins zu zwei. Die beiden Elemente bestehen aus Elektronen und Atomkernen, diese sind wiederum zusammengebaut aus Teilchen, die wir damals nicht durchgenommen haben. Die Forscher wissen aber, dass man noch weiter herunter kann, aber dann verschwimmt irgendwie alles vor den Augen und niemand kann mehr genaue, verlässliche Angaben machen. Schon beim Wasser ist das so. Wasser ist flüssig, Sauerstoffatome nicht.
Wenn Du auf der Arbeit ein Problem hast, das Du lösen möchtest, dann überlegst Du und vielleicht hast Du plötzlich eine Idee. Das Wort „mir ist etwas eingefallen“ passt da irgendwie ganz gut. Man hat das Gefühl, dass einem die Idee einfiel, wie wenn sie einem von außen ins Gehirn oder ins Herz gelegt würde.
Hier geben die verschiedenen Leute auf die gleiche Frage verschiedene Antworten. Manche sagen, Ideen kommen nicht von außen, sie fallen uns nicht ein, wir haben nur ein Gefühl, dass es so ist. Ideen kommen einem, wenn die verschiedenen Stoffe im Gehirn verschiedene Zustände zusammen bauen. Im Computer sind ja auch keine Papierzettel, auf denen unsere Texte stehen und unsere Bilder sind. Das sieht auf dem Bildschirm nur so aus. Im Rechner selbst sind nur Drähte, Metall und Plastikteile, in denen die Ströme für verschiedene Zustände sorgen. Wir sehen Bilder, wie auf Papier, aber in keinem unserer Geräte würden wir Blocks und Stifte finden.

Der heilige Thomas aus dem Mittelalter sagt, viele unserer Ideen kommen von Gott und sie werden uns von seinen Boten, den Engeln gebracht. Thomas kannte keine Rechner und keine chemischen Zusammensetzungen. Manche sagen deswegen, er müsse zu unseren Themen eigentlich schweigen, wie Kinder, die still zu sein haben, wenn Erwachsene sich unterhalten. Ich glaube, das stimmt nicht. Es gibt nämlich einen Grundsatz, den Thomas oft zur Sprache bringt, und der ein anderes Licht auf die Verhältnisse wirft. Er sagt dem Sinn nach, wenn jemand einem anderen etwas gibt, dann muss er es auf die Weise dessen tun, der es nimmt. Wenn Du einem Chinesen etwas sagen willst, dann musst Du chinesisch mit ihm sprechen. Anders kann er es nicht verstehen. Wenn Gott, der über alle Welten erhaben ist, uns etwas sagen will, dann muss er seine Boten unsere Sprachen sprechen lassen. Anders würden wir nichts verstehen.

Uns wird schwarz vor Augen, wenn wir zu wenig Licht zum Sehen haben, bei zu viel Licht sehen wir auch nur dunkel. Mit unseren Augen ist ein Blick in die direkte Sonne zu viel Licht. Wenn Gott uns die Sonne zeigen will, dann muss er entweder unsere Augen ändern oder er muss das Licht anders dosieren. Er muss sich also nach unseren Augen richten, auf unsere Maßstäbe herunter oder sie ändern. Unsere Bilder und Ideen können also durchaus von Gott und den Engeln kommen. Sie müssen nur die Sprache unserer Computer und die Bedingungen unserer Gehirne benutzen. Was wir über die Zusammensetzung der Gehirne, chemischen Elemente und Computer wissen spricht also gar nicht dagegen, dass Gott uns durch die Engel etwas sagen und zeigen lässt. Wenn ein Brief keinen Absender hat, dann kann niemand beweisen, woher er die Gedanken stammen, die in ihm beschrieben werden. Es ist ein Brief wie jeder andere. Selbst eine Unterschrift könnte man fälschen. Aber weder Papier, noch Tinte können zeigen, woher die Ideen sind.

Quellen:
Sent 2, 3, 3, 1, co: „Unumquodque recipitur in aliquo per modum recipientis.“ – „Bei jedem wird alles auf die Weise des Empfängers angenommen.“
Der schlichte Grundsatz, dass bei allen Unterhaltungen und Mitteilungen die Bedingungen des Empfängers der Maßstab, gehört zu den unumstößlichen Säulen im Denken des Thomas. Man stolpert in seinen Büchern sehr häufig darüber. Eine hübsche Anwendung steht in de malo 3, wo die Frage ansteht, ob eine Sünde aus Bosheit schwerer wiegt als eine aus Schwäche. Die Antwort lautet, die Schwäche mache die Sünde weniger schwer. Die Vorgaben der Tugend oder des Lasters seien die Bedingungen der vernünftigen Seelen. Alles aber werde auf die Weise des Empfangenden angenommen. Zur vernünftigen Natur gehöre aber auch der freie Wile. Der werde nun aber weder durch Tugenden, noch durch Laster derart gebeugt, dass er unfrei werde und nicht mehr gegen die Stärken und Schwächen handeln könne. Aber es sei schwer, gegen seine Schwächen und Stärken zu handeln.
De malo, 3, 13, ad 6: „Ad sextum dicendum, quod habitus virtutis vel vitii est forma animae rationalis. Omnis autem forma est in aliquo secundum modum recipientis. De natura autem rationalis creaturae est quod sit arbitrio libera; nam habitus virtutis vel vitii non inclinat voluntatem ex necessitate, sic quod aliquis non possit contra rationem habitus operari, sed difficile est operari contra id ad quod habitus inclinat.

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