Hierarchie

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Du kennst sicher das Wort, nach dem jemand „aber ansonsten ganz in Ordnung“ ist. Man hört es und man sagt es so daher. Aber wenn jemand „ansonsten“ ganz in Ordnung ist, dann hat er mindestens eine Macke. Macken können sehr sympathisch sein, und aufs Ganze gesehen wird wohl so ziemlich jeder seine haben. Es aber wohl auch Macken, die einem schrecklich auf die Nerven gehen oder gar gefährlich sind. Einen Typen, der „ansonsten ganz in Ordnung“ ist und nur bei jeder kleinsten Wut den nächst besten Gegenstand zertrümmern muss, möchte ich nicht in meiner Wohnung haben. Deshalb sagt das „ansonsten ganz in Ordnung“ eigentlich nicht viel.
Bei gewalttätigen Leuten sagen, es sei aber nur eine kleine Minderheit, zählt nur für die Statistik. Wenn Dir diese kleine Minderheit im Bus begegnet, nützt es gar nichts, wenn draußen neunundneunzig Prozent friedliebende Leute leben.

Ich hatte eine Zeit lang eine „ansonsten“ ganz liebe Kollegin. Sie hatte nur die Macke, mehr oder weniger durchzudrehen, wenn sie bestimmte Worte hörte. Wenn wir ihr damals unser kleines Buch hier geschenkt hätten, sie hätte es eher zum fressen, als zum Lesen bekommen und es in der Luft zerrissen. Eins der Worte, das jedes Gespräch beendete, hieß „Hierarchie“. Das Dumme aus ihrer Sicht war nun, man kann kein gutes Buch über das Denken des heiligen Thomas schreiben, ohne von Hierarchien zu sprechen und das Wort zu besprechen. Seine Welt ist nämlich immer hierarchisch, und wenn ich richtig sehe, ist die Welt aller Menschen hierarchisch in gewissem Sinn.

Hierarchie bedeutet zunächst nichts anderes als was wir schon besprochen haben: Die Welt ist in Stockwerke eingeteilt. Der König steht höher als sein Diener und die Kanzlerin steht über dem Hausmeister. Wir können gar nichts machen, wir sehen die Welt so, wir beschreiben sie so, und wenn wir eine neue bauen sollten, wäre das nicht viel anders.
Es hat zu allen Zeiten Leute gegeben, die gegen alle bestehenden Hierarchien anrannten und zerschlagen wollten. Sie taten das aber stets, um gleich ihre eigenen, neuen zu errichten. Sie köpften ihren König und führten sich dabei wie Könige auf. Die Toleranten fordern Milde gegen Andersdenkende und Gefängnisse für solche, deren Denken wirklich anders ist.
Ich würde meinen, es ist gar nicht schlimm, wenn in der Welt der eine über dem anderen steht, solange man sich nicht von oben herab behandelt. Was das angeht, lässt sich oft beobachten, dass es bei weitem nicht immer die ganz oben sind, die von oben herab sehen. Am meisten Lust, die von unten zu schänden haben eher die aus dem zweiten Stock von unten.

Wer mit dem Schlüssel klappert
und pöbelt,
ist nur der Verwalter,
selten der Besitzer.

Wir haben gesehen, die Engel erleuchten einander von oben nach unten und sie erleuchten die Menschen. Dabei sind es – gut hierarchisch betrachtet – nur die untersten Engel auf der Leiter, die mit uns in direkten Kontakt treten. Schließlich steht die gesamte Engelspyramide über uns Menschen in der Hierarchie.

Aus der untersten Stufe der Engel kommen auch diejenigen, die der Volksmund die Schutzengel nennt. Wenn man so möchte, sind die Schutzengel das Verbindungsglied zwischen der Engel- und der Menschenwelt. Ähnlich, wie die gesamte Engelwelt ein Verbindungsglied zwischen Gott und den Menschen ist. Hier fällt wieder etwas auf: Wenn wir beten und mit Gott sprechen, dann interessiert uns die Hierarchie nicht, wir wandern direkt in die Halle des Königs. Der Erzengel Gabriel war kein Wesen aus der untersten Schublade, sondern ein – standesgemäß – königlicherer Engel aus der ein Stockwerk höheren Charge. Die Hierarchien gibt es zwar, aber sie sind nicht hölzern. Sie müssen auch nicht in allem eingehalten werden. Der Himmel ist kein preußisches Verwaltungsamt. Der Herr ist auch kein Engel, sondern Mensch geworden, um der Welt ihr Problem zu nehmen.
Quelle:
Sth 113, 3, co: „Sicut supra dictum est, homini custodia dupliciter adhibetur. Uno modo custodia particularis, secundum quod singulis hominibus singuli Angeli ad custodiam deputantur. Et talis custodia pertinet ad infimum ordinem Angelorum, quorum, secundum Gregorium, est minima nuntiare.“
– „Wie oben bereits gesagt, gibt es den Schutz auf zweifache Weise: Zum einen den Schutz in Einzelheiten, dem gemäß den jeweils einzelnen Menschen ein einzelner Engel zugeteilt wird. Ein solcher Schutz ist Sache der untersten Engelsornung. Deren Amt ist es ja, das jeweils Geringere zu verkünden. 

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2 Kommentare zu “Hierarchie

  1. Engelhierarchien – bis vor einiger Zeit hätte ich das für baren Unsinn gehalten, bis ich ein bemerkenswertes Buch über Dionysius von Areopag (von Gerd – Klaus Kaltenbrunner) gelesen habe. Ich glaube heute, dass es für die Ordnung und gleichzeitig ungeheure Vielfalt in der Natur keine bessere Erklärung gibt, als eben Hierarchien unzähliger rein geistiger Wesen anzunehmen.
    In der Gliederung des Areopagiten gibt es – in drei Triaden aufgeteilt – in der himmlischen Hierarchie neun Ordnungen. Ganz oben stehen die Seraphim, ganz unten die einfachen (Schutz)engel. Nach dieser Lehre stellen die Erzengel überraschenderweise nur die zweitunterste Kategorie dar, gehören also nicht, wie Sie schreiben, zu den höheren Chargen.

  2. Oh, ich hab’s gleich umformuliert.
    Das Kaltenbrunnerbuch habe ich leider nicht gelesen. Der Name fiel hier aber schon. Ich habe allerdings schon bei Dionysius reingeschaut und Dantes Komödie durchgearbeitet. Die Engel waren in allen Zeiten vor der unseren in aller Munde. Ein Fauxpas deshalb, den Verkünder in die oberen Etagen zu stecken…
    Vielen Dank deshalb für den Hinweis!

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