Absolutismus

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Ich habe gestern gegen einen Grundsatz verstoßen und das Wort „Absolutismus“ ohne Erklärung eingeführt. Ich kann nicht rundweg und schon gar nicht schnell sagen, was Absolutismus ist, ich kann aber sagen, was ich darunter verstehe. „Absolut“ meint hier so viel wie absolut alles und absolut überall und duldet keine Ausnahmen.
Wenn ein Staat absolutistisch ist, dann kann er nicht dulden, wenn es irgendwo kleine Zellen gibt, die nicht in seine Richtung denken, handeln und eingestellt sind. Demokratien sind nicht absolutistisch. In einer Demokratie dürfen Andersdenkende leben und sich mit allen Rechten und Pflichten frei bewegen. Der Absolutismus kann das nicht gestatten.
Wenn aus der Richtung der Regierung die Parole ausgegeben wird, Organspende sei eine gute Sache, dann darf das maximal eine Empfehlung, ein Denkanstoß oder eine Grundlage zur Diskussion sein. Leute, die das ganz anders sehen, werden nicht bekämpft, sondern eingeladen mit zu diskutieren, um am Ende einen gemeinsamen Kurs zu finden. Wir sind gewohnt, so zu denken, weil wir in einer Demokratie geboren und aufgewachsen sind.

Nun gibt es einen eigentümlichen, geradezu geheimnisvollen Umstand: Fast alle Regierenden bekommen irgendwann einen Hang zum Absolutismus, ähnlich, wie fast alle Reichen den Hang haben, immer reicher zu werden. Viele Arme sagen, wenn sie Geld hätten, sie würden es anders machen. Sie würden teilen, viel abgeben und gütiger sein als die Reichen, die gerade reich sind. Hier müssen wir aufpassen und sollten unseren eigenen Voraussagen nicht über den Weg trauen. Kinder sagen häufig, wenn sie groß sind, machen sie alles irgendwie anders als die Alten. Sind sie dann alt geworden, erwischen sie sich dabei, es doch ganz genau so zu machen. Wenn weniger Reiche plötzlich reich werden, dann sind sie fast immer wie alle anderen Reichen auch. Sie sind um ihr vieles Geld genau so besorgt, wie früher um ihr weniges und deshalb vor allem unterwegs, es zu vermehren.

Alle sagen:
„Teilen kann ich erst später,
wenn ich mehr habe.“

Ganz ähnlich ist es mit der Macht und ihrer Versuchung. Mächtige, an sich sehr vernünftige Leute benehmen sich wie die pubertären Kinder, um nur ja nicht abtreten zu müssen. Wer Macht hat, der will sie vor allem sichern, ausbauen und auf möglichst vielen Gebieten ausüben. Das hat etwas Geheimnisvolles, es ist aber so.

Die Heiligen haben das übrigens durchschaut. Sie zählen zu einer kleinen Minderheit, die bei den Armen leben, ohne reich werden zu wollen. Die Heiligen sitzen in den Häusern der Reichen am Tisch und können ohne Hintergedanken und Interesse an ihrem Geld mit ihnen reden.
Weil das alles so ist, deshalb hat die Macht stets einen Hang zum Absolutismus, auch in der Demokratie. Das bedeutet, es braucht immer eine kritische Presse, Menschen, die aufpassen, die gut hinsehen und mutig den Mund aufmachen. Oft sind es übrigens die Künstler, die wach und sensibel in die Gesellschaft schauen. Ich gestehe, mit der zeitgenössischen Kunst kann ich oft nicht viel anfangen, aber die Meinung der Künstler sollte uns interessieren. Das ist übrigens ein guter Grund, warum auch Länder, die es sich eigentlich nicht leisten könnten, immer die Kunst und ihre Szene fördern sollten. Jedes Land braucht seine Quertreiber und seine Hofnarren!

Der heilige Thomas bringt einmal eine sehr hübsche, kleine Einlage, die seine antiabsolutistische Haltung an den Tag legt. Er sagt, ein Richter hat das Interesse der Gesellschaft und deren Gerechtigkeit im Auge zu behalten. In diesem Sinne sei er drauf aus, einen Räuber zu verurteilen. Die Frau des Räubers aber hat das Gut ihrer Familie im Sinn. Ihr Interesse sei also, dass ihr Mann am Leben bleibe.
Absolutistisch wäre, wenn die Frau ihren eigenen Mann anzeigen müsste, wenn also die kleinsten Zellen der Gesellschaft, die Familien, gefälligst mit dem Staat zu ticken haben. Wenn die Frau ihren Ehemann schützt und versteckt, dann wird sie in einem nicht absolutistischen System nicht bestraft. Zum Absolutismus neigende Systeme haben in aller Regel ein großes Interesse, in die Erziehung der Kinder einzugreifen und sie möglichst zur Sache des Staates zu erklären. Deshalb scheint mir der beste Schutz gegen den Absolutismus die Stärkung und Förderung der Familien und deren Freiheit zu sein.


Sth I-II, 19, 10, co:
Sicut patet in exemplo proposito, nam iudex habet curam boni communis, quod est iustitia, et ideo vult occisionem latronis, quae habet rationem boni secundum relationem ad statum communem; uxor autem latronis considerare habet bonum privatum familiae, et secundum hoc vult maritum latronem non occidi.

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